Teil 11 St. Petersburg – Die Hauptstadt der Zaren
Sankt Petersburg – die Stadt der „Weisen Nächte“ oder als „Venedig des Nordens“ bekannt – wurde 1703 vom Peter dem Großen gegründet.
Als am 16. Mai 1703 Peter der Große auf der Haseninsel 1) im Mündungsdelta der Neva mit dem Bau einer Festung begann, die am 19. Juni bei der Grundsteinlegung für die kleine Holzkirche St. Peter und Paul den Namen Petropol erhielt, war der Weg bereitet für eine der schönsten Städte im nördlichen Russland. Zunächst dachte Peter wohl nur an eine Marinebasis für die eben eroberte Küstenlandschaft, doch ab 1706 nahm die Bautätigkeit immer mehr zu und um 1725 war man so weit, die Zentralbehörden nach und nach in der neuen „Thronstadt“ anzusiedeln. Zwar kam es in den folgenden Jahren immer mal wieder zum Gerangel um die Priorität zwischen der alten Hauptstadt Moskau und St. Petersburg, aber schließlich siegte doch die Stadt mit dem „Fenster zu Europa“, wie Puschkin sie in seinem „Ehernen Reiter“ bezeichnet hatte. Das ganze konnte natürlich nur unter immensen Kosten vollbracht werden. Jahrelang war St. Petersburg eine riesige Baustelle im Sumpf. Aus dem ganzen Land wurden Arbeiter zwangsverpflichtet. Mit ihren Schaufeln und Schubkarren quälten sie sich im Schlamm. Viele von ihnen (man schätzt einige Tausende) ließen hier ihr Leben – durch Nachlässigkeit, Überarbeitung oder als Folge von Überschwemmungen, die regelmäßig auftraten, bis die Neva durch steinerne Uferbegrenzungen unter Kontrolle gebracht werden konnte. Selbst der Historiker Nikolai Karamsin, ein Bewunderer Peters I., gab ein Jahr-hundert später zu, dass die Stadt auf „Tränen und Leichen“ erbaut wurde.
Doch dies alles wurde schnell verdrängt, denn schon bald erhielt St. Petersburg den Ruf, eine der schönsten Städte der Welt zu sein. Die be-rühmtesten Architekten des damaligen Europas schufen eine Stadt der Grachten und Kanäle 2), der Plätze und Paläste und der Brücken, von denen jede der mehr als 400 ein wahres Kunstwerk wurde. Sie machten die Stadt zum Venedig des Nordens und den 5 Kilometer langen Newskij-Prospekt (benannte nach Alexander Newskij, der hier 1240 die Schweden besiegt hatte), die Hauptstraße, zum Glanzboulevard Europas, der sich durchaus mit den Champs-Elysées in Paris oder mit Berlins „Unter den Linden“ messen konnte.
1) Eine von mehr als 42 Inseln, auf die St. Petersburg gebaut ist.
2) Ein Zehntel des Stadtgebiets besteht aus Wasserwegen, Kanälen und Flussläufen und hat eine Gesamtlänge von rund 300 km.
St. Petersburg war von Anfang an eng mit den Deutschen verknüpft. War es doch kein Geringerer als der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm von Leibnitz (*1646 – †1716), der zusammen mit Peter dem Großen die Gründung der russischen Akademie der Wissenschaften betrieb. Unter Katharina der Großen (*1762 – †1796), einer deutschen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, entwickelte sich die Stadt zu einer höfischen Metropole, die an Prunk und Eleganz selbst Paris weit hinter sich ließ. Sie war es auch, die in ihrer 34-jährigen Regierungszeit nach und nach die alten Holzhäuser am Newskij-Prospekt abreißen ließ und sie durch Steinbauten ersetzte, so dass in jener Zeit das Sprichwort entstand, wonach Katharina II. St. Petersburg hölzern empfangen und es steinern zurücklassen werde.
Schließlich war es der deutsche Architekt Leo von Klenz, der in den Jahren von 1839 bis 1852 den gewaltigen Palastkomplex der Stadt mit der heute weltberühmten „Neuen Eremitage“ abrundete. St. Petersburg, zu dieser Zeit eine Metropole mit einer Viertelmillion Einwohnern, dazu noch etwa einhunderttausend Menschen an Militär und Hofstaat, war damals die sechstgrößte Stadt Europas nach Konstantinopel, London, Paris, Neapel und Wien. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs dann die Bevölkerung bis auf 650.000 Einwohner an und beherbergte am Vorabend des Ersten Weltkriegs bereits gut 2 Millionen Menschen. Alles in allem lebten bis vor dem Ersten Weltkrieg ca. 200.000 Deutsche in der Stadt, die als Wissenschaftler, Beamte oder Kaufleute den Reichtum von St. Petersburg mehrten. Hört man den Namen St. Petersburg, so hört man auch sofort die Musik eines Tschaikowskijs, eines Strawinskijs oder Rachmaninows. Man denkt an die großen Dichter wie Puschkin, Gogol, Nekrassow und Lermontow, aber auch an Majakowskij und Brodskij, doch vor allem wohl an den größten Romancier des 19. Jahrhunderts, an Fjodor Michailowitsch Dostojewski (*1821 – †1881). Noch heute, streift man durch das ehemals verrufene Viertel um den Heumarkt, dem jetzigen Ploschijd Mira (Friedensplatz) und wirft einen Blick in die dunklen Hinterhöfe, meint man eine Figur des „Vaters des psychologischen Romans“, seinen Raskolnikow zu sehen, wie er mit blutbeschmierter Axt, die er unter dem Mantel verborgen hält, aus einem der muffigen Mietshäuser schleicht. („Schuld und Sühne“, erschienen 1866)
Dies alles endete, als der Panzerkreuzer „Aurora“ 1917 mit seinen Kanonen das Signal zur Oktoberrevolution gab. Doch St. Petersburg, später Petrograd, ab 1924 Leningrad und heute wieder St. Petersburg, überlebte zwei Weltkriege und 74 Jahre kommunistischer Herrschaft und wurde zur „Stadt in der Ruhm und Unglück zu Stein geworden sind“, wie die Petersburger Dichterin Anna Achmatowa (*1889 – †1966) schrieb. Allerdings musste Peter der Große schon bei der Gründung der Stadt den Fluch eines Mönches vernehmen: „Dreihundert Jahre besteht Deine Stadt, dann wird sie untergehen.“ Anfang der vierziger Jahre war es dann fast soweit, als die Hitler-Truppen die Stadt 900 Tage belagerten und anschließend über eine Million Tote zu beklagen waren. Aber die Stadt ließ sich nicht in die Knie zwingen.
Einige Stichpunkte zu St. Petersburg:
1) Das Winterpalais, einst Sitz der Zaren, ist heute dem Eremitage-Museum zugeordnet und beherbergt Kunstschätze allerersten Ranges.
2) Am 10. Februar 1837 starb in St. Petersburg ein junger Dichter, Alexander Puschkin. Der Begründer der modernen russischen Literatur erlitt bei einem Duell tödliche Verletzungen.
3) Wladimir Iljitsch Ulanow ist der eigentliche Name jenes Mannes, der 1917 die Revolution entfachte: Lenin, dessen Name die Stadt 67 Jahre lang trug.
4) Am Bau des alten St. Petersburg haben viele namhafte Architekten aus vielen europäischen Staaten mitgewirkt. Die historische Altstadt wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Von St. Petersburg, das bis 1917 die Residenz der Zaren war, breitete sich das Schachspiel im alten Russland aus, das, so vermuten russische Historiker, schon im 8. Jahrhundert aus Asien nach Russland gekommen war. Ursprünglich wurde es nur am Hofe des Zaren vom Adel und den Intellektuellen gepflegt. In einem Reim über den Zaren Kalina und den Fürsten Wladimir heißt es: „Sie spielten Schach und Dame, aus fremden Ländern gebracht…“ Bei einem Besuch in Paris spielte Zar Paul I. Schach im Café de la Régence. Katharina II. versuchte ihr Glück gegen den „getürkten“ Schachautomaten des Barons Kempelen.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das allgemeine Interesse am Schachspiel groß genug, um eine Schachzeitung herauszugeben: Sie er-schien 1859. Um diese Zeit machten vor allem zwei Schachmeister von sich reden: Alexander Dimitrijewitsch Petrow (*1794 – †1867) und Carl-Friedrich von Jänisch (*1813 – †1872). Letzterer gründete 1853 den ersten russischen Schachklub in St. Petersburg. Spieler wie Petrow, Jänisch, Schiffers und Tschigorin, der Begründer der „russischen Schachschule“ lebten hier. Später lässt sich die Liste mit Karpow, Spasski, Kortschnoi oder Judassin fortsetzen, ja sogar bis hin zum 14. Weltmeister unserer Tage: Alexander Khalifman. Drei große Turniere wurden in der Stadt an der Newa unter der Ägide der russischen Schachschule veranstaltet, und in allen Dreien siegte der Weltmeister jener Tage: Emanuel Lasker!

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