Teil 13 Cambridge Springs 1904
Die erste große Weltausstellung des neuen Jahrhunderts fand in St. Louis in den USA statt: „Louisiana Purchase Exposition.“ Der Anlass war ein Jubiläum: die 100-jährige Angliederung von Französisch-Louisiana an die Vereinigten Staaten. 1803 verkaufte Kaiser Napoleon I. aus Geldmangel das unter seiner Herrschaft stehende Gebiet, das die heutigen US-Bundesstaaten Louisiana, Arkansas, Dakota, Iowa, Kansas, Missouri, Montana, Nebraska und Oklahoma umfasst. Mit einem Schlag verdoppelte sich so die Fläche der Vereinigten Staaten von Amerika. Dies war natürlich, auch nach 100 Jahren noch, ein Grund zu feiern, auch wenn die Weltausstellung in St. Louis wegen der für die ausländischen Teilnehmer zu kurz angesetzte Vorbereitungszeit auf das Jahr 1904 verschoben werden musste. (30. April – 1. Dezember = 216 Tage)
Die Ausstellung in Forest Park, ca. 15 km vor den Toren der Stadt auf einem 500 ha großen Gelände, besuchten über 19 Millionen Menschen, die aus 60 verschiedenen Ländern kamen. Mit dieser, der dritten Weltausstellung in der Neuen Welt, betrat Amerika als imperiale Macht die internationale Bühne und die Besucher waren sich einig: eine neue Weltmacht hält Hof! Hingegen brachten die Spiele der III. Olympiade in St. Louis, die, wie schon 4 Jahre zuvor in Paris, auch hier im Rahmen der Weltausstellung stattfanden, ein eher mageres Ereignis. (1.7. – 23.11.1904) Lediglich 8 Frauen waren unter den 617 Teilnehmern, die in 14 Sportarten antraten. Bei mäßigem Zuschauerinteresse wurden die Wettkämpfe auf dem Sportgelände der Washington-Universität abgewickelt, da St. Louis kein eigenes Olympiastadium besaß. Deutschland holte drei Goldmedaillen, die alle im Schwimmsport gewonnen wurden. Doch die wichtigste Erkenntnis, die man in St. Louis gewann, war, dass man in Zukunft die Olympiade nicht mehr in den Rahmen einer Weltausstellung pressen, sondern dem Sport eine eigenständige Bedeutung geben wollte. So fand dann auch 1908 in London die Olympiade als eigenständige Veranstaltung statt, womit jetzt die große Zeit der olympischen Spiele begann.
Seit dem großen New Yorker Turnier, dem sechsten amerikanischen Kongress 1889 (Hier gewannen der Russe Michail Tschigorin und der Wiener Meister Max Weiss mit je 29 Punkten bei 20 Teilnehmern), hatte in den vergangenen 15 Jahren kein bedeutendes Schachturnier in Amerika mehr stattgefunden. Dies sollte sich im Hinblick auf die kommende Weltausstellung ändern. Amerikanische Schachfreunde planten aus diesem Anlass ein Schachturnier der Weltelite und als es ihnen gelang, für die Spitze des Organisationskomitees den Präsidenten der Vereinigten Staaten Theodore Roosevelt1) sowie den bekannten deutschstämmigen Schachmäzen Prof. Isaak Rice2) zu gewinnen, nahm die Sache langsam Gestalt an.
1) Theodore Roosevelt, der „Rough Rider“, unter dem sich Amerika vom Isolationismus ab- und der Außenwelt zuwandte, war ein Raubein, der schon mal zudringliche Revolverhelden mit Faustschlägen niederschlug und wie ein Cowboy zu Pferde saß. Den Friedensnobelpreis erhielt er 1906 für seine Friedensbemühungen zwischen Japan und Russland. Doch seine Außenpolitik des „Big Stick“ speiste sich aus Machismo. Dass es den amerikanischen Schachfreunden gelang, einen solchen Mann in das Organisationskomitee für ein Schachturnier zu holen, scheint eine nicht mindere Leistung zu sein, als die Ausrichtung des Turniers selbst.
2) Prof. Isaak Rice stammte aus dem rheinischen Wachenheim und war in den USA durch Firmengründungen zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen. Viele Dollars ließ er sich die Erforschung seines „Rice-Gambits“ kosten, das sich aber letzten Endes in der Spielpraxis nicht bewährte.
Als Austragungsstätte wurde der Badeort Cambridge Springs, im nordwestlichen Teil von Pennsylvania am Mississippi gelegen, ausgewählt. Eine Besonderheit des Turniers war es, dass gegen 8 einheimische Spieler 8 Meister aus der alten Welt antreten sollten. So schifften sich denn Anfang April die europäischen Spieler auf dem Ozeandampfer “Pretoria“ ein, um den Atlantik zu überqueren.
Mit an Bord waren: Tschigorin (St. Petersburg), Janowski (Paris), Teichmann (Berlin, z. Zt. London), Mieses (Leipzig), Lawrence (London), Marco und Schlechter (beide aus Wien). Lediglich Tarrasch und Maroczy fehlten in diesem Kreis der damaligen besten Spieler der Welt. Hingegen war der achte Europäer, Emanuel Lasker, schon in den Vereinigten Staaten, beschäftigte sich mit wissenschaftlichen Arbeiten und hatte daher eigentlich gar keine Lust, an dem Turnier teilzunehmen. Zudem war er nach einer vierjährigen Schachpause (Sein letzter Auftritt reichte bis Paris 1900 zurück) ziemlich aus der Übung und somit auch nicht genügend vorbereitet, was sich letztlich auch im Turnier bei einigen Partien bemerkbar machen sollte. Wenn er am Ende trotzdem zusammen mit Janowski den zweiten bis dritten Platz belegte, zeigt dies einmal mehr Laskers unerhöhrte Kampfkraft, die ihn antrieb, wenn er am Schachbrett saß. Gespielt wurde im großen Ballsaal des Hotels Rider, wo die Spieler auch untergebracht waren.

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