Die Welt des Schachs Band 1 – Teil 5

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Teil 5 Der Balkan – Schach auf dem Pulverfass

Die Halbinsel mit ca. 560.000 km² Fläche (inklusive vorgelagerter Inseln) liegt zwischen dem Adriatischen und dem Schwarzen Meer. Nach Norden hin wird sie typischerweise durch die Save–Donau-Linie abgegrenzt. Politisch gliedert sich die Balkanhalbinsel demnach heute in die Länder Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Mazedonien, Rumänien, Serbien und Montenegro und den europäischen Teil der TĂĽrkei. In einigen Definitionen werden auch Moldawien, Slowenien, Kroatien und Ungarn dazugezählt.

Die ganze Misere, die den Balkan bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt, begann schon 395 n. Chr., als unter dem römischen Kaiser Konstantin I. das Römische Reich in einen Ost- und einen Westteil zerfiel. Die Grenze, die mitten durch Jugoslawien verlief, spaltete das Land.

Im östlichen Teil entwickelte sich eine christlich-orthodoxe Gemeinschaft,  aus der später Serbien und Albanien hervorgingen, und im westlichen Teil, der römisch-katholisch wurde, siedelten sich die Kroaten, Slowenen und Bosnier an.

Als dann im 14. Jahrhundert die Türken ihren Sturm auf Europa begannen, der sie ja bekanntlich bis vor die Tore von Wien führte, blieb der Balkan nach der Schlacht auf dem berühmten Amselfeld für die nächsten 500 Jahre unter dem Einfluss der Türken und die Albaner und Bosnier konvertierten zum Islam. Damit war die Konfusion endgültig hergestellt. Drei Religionen auf einem begrenzten Raum, dazu die Großmachtinteressen der Türken sowie der Österreicher, sorgten in der Folgezeit immer wieder für Unruhen und wirbelten die Balkanvölker durcheinander.

1876 erhoben sich Freiheitskämpfer in Bulgarien, Rumänien und Serbien und erkämpften sich ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, um dann im sogenannten 1. Balkankrieg 1912/13, zusammen mit den Bulgaren, Griechen und Montenegriner das Gebiet des heutigen Albanien und Kosovo zurĂĽckzuerobern. Dieser gewaltige Sieg war ein weltgeschichtliches Ereignis und ein stolzer Moment in der Geschichte der Balkanvölker. Die TĂĽrken an allen Fronten geschlagen, das Osmanische Reich zurĂĽckgedrängt, während die bulgarischen Kanonen vor Konstantinopel donnerten. Die ĂĽberraschten GroĂźmächte waren nun bereit, den bisher verachteten Balkannationen das Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen. Doch die GroĂźmächte, ohne deren UnterstĂĽtzung der Balkan sich hätte nie befreien können, sahen auch weiterhin hochmĂĽtig auf die Balkanvölker herab. So sprach z.B. Bismarck beim Berliner Kongress 1878, wo ĂĽber den Frieden auf dem Balkan verhandelt wurde und sich der PreuĂźe als „ehrlicher Makler“ verstand, von den „Schafsdieben“, wenn er die Griechen, Serben und Bulgaren meinte und der ganze Balkan schien ihm nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert zu sein. Der ungarische AuĂźenminister Graf Kálnoky distanzierte sich von „diesen Balkanproleten“ und beklagte das Schicksal der Habsburgermonarchie, von solch halbbarbarischen Völkerschaften umgeben zu sein. In der Londoner Botschaftskonferenz von 1913 wurde die staatliche Unabhängigkeit Albaniens von den GroĂźmächten anerkannt, der Kosovo aber Serbien zugeschlagen – obwohl die Provinz fast ausschlieĂźlich von muslimischen Albanern bewohnt war. Das Land der Skipetaren war fortan zweigeteilt, ein Zustand, der heute wieder zu blutigen Zusammenstößen zwischen Serben und Albanern fĂĽhrt.

Doch dann am 28. Juni 1914 in Sarajewo ermordete der fanatisierte 19jährige Student Gavrilo Princip, der dem Geheimbund „Schwarze Hand“ angehörte, den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin die Herzogin von Hohenheim mit PistolenschĂĽssen, wonach wenig später der Erste Weltkrieg ausbrach, der 10 Millionen Tote forderte.

Auf dem Balkan war es ein Krieg gegen die dort fĂĽhrenden Serben (Serbien muss sterbien). Zwar wurden die Serben besiegt und die Regierung floh in die Emigration, aber am Ende standen sie doch auf der Seite der Sieger, denn Deutschland hatte den Krieg auf den Hauptkriegsschauplätzen verloren. Die GroĂźmacht Ă–sterreich wurde zerschlagen und unter serbischer FĂĽhrung (König Alexander I.) entstand 1918 ein neuer Staat aus den Balkan-TrĂĽmmern: das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, abgekĂĽrzt „SHS“, was dem Spott nach hieĂź: Sie Hassen Sich.

Als es Alexander I. nicht gelang, die ständigen Unruhen zwischen den Volksgruppen zu beenden, hob er die Verfassung auf, verkĂĽndete 1929 eine Königsdiktatur und änderte den Landesnamen in Jugoslawien um. (SĂĽd-Slawen = Jugo-Slawen). Damit verschärfte er die inneren Gegensätze nur noch weiter. Bei einem Staatsbesuch in Frankreich wurde er 1934 in Marseille von kroatischen Extremisten der Terrororganisation „Ustascha“ ermordet.

Im Zweiten Weltkrieg ĂĽberrannten Hitlers Truppen 1941 in nur elf Tagen Jugoslawien und unter der hitlertreuen Ustascha-Diktatur in Kroatien wurde das größte Vernichtungslager auf dem Balkan in Jasenovac (120 Kilometer sĂĽdöstlich von Zagreb) eingerichtet, in dem bis zu einer Millionen Menschen, vorwiegend Serben, Juden und Roma, umgebracht wurden. Das WĂĽten der Utascha und der Tschetniks*, trieb viele Jugoslawen einem Mann namens Josip Broz, der sich „Tito“ nannte, in die Arme. Dessen kommunistische Volksfront erhielt nach dem Krieg 1945 bei Wahlen 88 Prozent der Stimmen und Tito rief die Republik Jugoslawien aus. Mit harter Hand hielt dieser ehemalige Partisan den Vielvölkerstaat zusammen, doch als er 1980 starb, zerbrach Jugoslawien und es eskalierte die Gewalt, die dann 1991 in einen offenen Krieg mĂĽndete, der ĂĽber 50.000 Menschenleben forderte und die schlimmste Massenflucht nach dem Zweiten Weltkrieg nach  sich zog.

*) Freischärler, die bei ihrem Eintritt in den Bund bedingungslosen Gehorsam und absolute Geheimhaltung schwören mussten. Jeder Neueintretende verlor seine Persönlichkeit, ein Austritt war nicht möglich.

Das Schachspiel im Vielvölkerstaat schwang sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur vollen Höhe auf, und Jugoslawien wurde dann in den sechziger Jahren hinter der UdSSR die zweitstärkste Schachnation der Welt. Zwar hatten die groĂźen Vorkämpfer wie Milan Vidmar (*22.6.1885 Ljubljana – †9.10.1962 Ljubljana), Boris Kostic (*24.2.1887 Vrsac –  †3.11.1963 Belgrad) oder Vladimir Vukovic (*26.8.1898 Zagreb –  †18.11.1975 Zagreb), die teilweise ihre Schachausbildung noch in der „Wiener Schachschule“ erfahren hatten, schon nach dem 1. Weltkrieg  auf den Balkan hingewiesen, aber auĂźer einigen Turnieren wie in Rogaska-Slatina (Rohitsch- Sauerbrunn) 1929, wo Rubinstein vor Flohr, Maroczy usw. siegte, Bled 1931, wo Aljechin vor Bogoljubow, Nimzowitsch usw. Triumphe feierte und schlieĂźlich Maribor 1934, wo Pirc zusammen mit L. Steiner vor Miss Menschik u.a. gewann, war in diesen Zeiten keine groĂźe Schachtätigkeit auf dem Balkan zu verzeichnen.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg begann der eigentliche Aufstieg des Jugoslawischen Schachs. Tito, der selbst ein begeisterter Schachliebhaber war, förderte das Spiel schon in den Schulen mit dem Erfolg, dass im Laufe der Jahre alleine fünf jugoslawische Spieler die Jugendweltmeisterschaft gewannen. Insgesamt brachte der Balkan 8 Jugendweltmeister hervor.

Wir folgen auszugsweise dem Buch: Helmut Wieteck – Die Welt des  Schachs Band 1
Edition Jung 2008, DIN A5, 308 Seiten, kartoniert.

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