Teil 12 Paris 1900
Im Jahre 1900 fand in Paris schon zum fünften Mal im jeweiligen Turnus von 11 Jahren eine Weltausstellung statt. Die „Exposition universelle et internationale de Paris 1900“ dauerte 212 Tage, vom 15. April bis zum 12. November, und sah in dieser Zeit etwas über 50 Million Besucher, die dem Thema der Ausstellung „Die Bilanz eines Jahrhunderts“ gefolgt waren. Der Schwerpunkt der Ausstellung, die „Elektrizität“, zeigte sich am deutlichsten in den elektrisch betriebenen rollenden Gehsteigen (Plate-forme roulante), die in einem 3 km langen Weg rund um das Ausstellungsgelände führten.
Die Ausstellung, die wie die vorausgegangenen vier Ausstellungen auch, wieder einmal mitten in der Stadt abgehalten wurde, beanspruchte diesmal so viel Platz, dass die Exponate mit großem Raumbedarf, vor allem landwirtschaftliche Maschinen, Eisenbahnen und Automobile, nach Vincennes ausgelagert werden mussten. Dorthin führte auch die erste Linie der Pariser Untergrundbahn, die Metro, die dort während der Ausstellungszeit am 19. Juli auf einer Strecke von 10,6 Kilometern in Betrieb genommen wurde.
Die französischen Schachfreunde nutzten die Gunst der Stunde und brachten im Rahmen der Ausstellung wieder einmal ein großes internationales Meisterturnier auf die Beine. Man plante mit 20 Teilnehmern, doch als einige ihre Nennungen zurückzogen, trat man schließlich mit 17 Spielern an. Der polnische Meister Samuel Rosenthal (*1837 – †1902), der in Paris als Schachlehrer lebte und hier beim Turnier dem Komitee angehörte, machte den Vorschlag, bei unentschiedenen Partien nach dem Muster von London 1883 und New York 1889 zu verfahren, wobei die erste Remispartie nicht zählen sollte und wiederholt werden musste, wonach erst diese Partie, ginge sie erneut Remis aus, mit einem halben Zähler bewertet werden sollte.
In der „Wiener Abendpost“ erschien am Vorabend des Turniers der folgende Artikel, der ein anschauliches Bild auf die Meister und das Ambiente der damaligen Schachveranstaltungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert wirft:
„In den prächtigen Räumen des Grand Cercle auf dem Boulevard Montmartre hat am 15. d.M. die Verlosung der Teilnehmer am internationalen Schachturnier stattgefunden. Es wurde die Reihenfolge der zu spielenden Partien bestimmt; hier wird auch der Kampf ausgetragen werden. Die Namen der zugelassenen Teilnehmer, die Zuvorkommenheit des Comités, die Sachkenntnis des Turnierleiters S. Rosenthal bürgen dafür, dass sich dieses Turnier nach jeder Hinsicht hervorragend gestalten wird. Unter den Meistern finden wir die von früheren Schachwettkämpfen her wohlbekannten Persönlichkeiten. Da ist zunächst Pillsbury, noch dünner, schmächtiger und länger als sonst. Das Reisen hat ihn etwas angegriffen. Er ist der richtige „Chess Traveller“. In der abgelaufenen Saison hat er 119 Engagements absolviert und dabei 28.000 englische Meilen zurückgelegt. Diese respektable physische Leistung tritt aber doch zurück hinter sein unvergleichliches Blindspiel. In diesem hat er alle Leistungen Morphy´s, Blackburne´s, Zukertort´s weitaus überboten. Er spielte im Schach-Club zu Chicago 16, in New-Orleans 17 und in Philadelphia am 28. April gar 20 Partien gleichzeitig ohne Ansicht des Brettes, und bei der letzten Produktion gewann er in 7 Stunden 10 Minuten 14 Partien, machte fünf remis und verlor nur – eine einzige. Der Mann kann also 1280 Felder und 640 Steine nicht nur in den augenblicklichen Stellungen, sondern auch in den verschiedenen sonst denkbaren Möglichkeiten mit seinem inneren Auge überblicken, und da sollte man glauben, dass es dem Steinitz-Besieger und dermaligen Weltmeister Lasker, der sich nur auf 64 Felder und 32 Figuren beschränkt, einigermaßen schwer sein dürfte, gegen einen solchen Gegner aufzukommen. Wenn aber Pillsbury in Bezug auf Tiefe der Anschauungskraft keinen Rivalen hat, so ist der deutsche Meister seiner einfachen Spielweise sicher, denn die Züge Pillsburry´s führen doch öfter zu Verwicklungen, die sich bei beschränkter Bedenkzeit nicht ausrechnen lassen, während Lasker´s Spiel sich gerade dadurch auszeichnet, dass er die einfachen, nüchternsten Züge wählt und daher die Konsequenz derselben genauer zu überblicken im Stande ist. Lasker ist womöglich noch kleiner, noch gelber geworden, seine Farbe spielt schon in das Grünliche. Er fühlt sich aber dabei sehr wohl und hat die Absicht, sich den Preis der französischen Regierung zu holen. Janowski hat in England und Russland größere Schachreisen gemacht. Im Turnierlokal hat er sich noch nicht gezeigt. Er will seine Feinde offenbar durch plötzliches Erscheinen einschüchtern. Sein selbstbewusstes Auftreten verschafft ihm auch im Schach gegenüber weniger zuversichtlichen Naturen eine gewisse Vorherrschaft. Seine gewalttätige, dabei aber tief durchdachte Spielweise macht ihn zum gefährlichsten Konkurrenten der beiden früher genannten Meister. Der Ungar Maróczy und der Wiener Schlechter standen in den letzten Turnieren immer unter den Ersten. Sie werden sicher auch jetzt Treffliches leisten und ihre Kräfte bewähren. Der Russe Tschigorin ist immer interessant, auch wenn er versagt. Er spielt, um zu spielen. Dasselbe ist bei Amos Burn aus Liverpool der Fall. Das sind Nur-Schach-Menschen, die sonst für nichts anderes auf der Welt Interesse bekunden.
Georg Marco aus Wien mit seiner methodischen Spielweise braucht wohl niemand zu fürchten, aber er hat die Berichterstattung für viele Blätter übernommen, und diese Ablenkung schließt so ziemlich die Möglichkeit seines Erfolges aus. Hier ist absolute Konzentration erforderlich. J. Mieses, ein glänzender Spieler, wird durch seine aggressive Natur einem jeden gefährlich; aber auch auf seine Leistung hat die Last journalistischer Tätigkeit oftmals ungünstig eingewirkt. J. Mason hat im vorjährigen Turnier zu London bewiesen – allerdings erst im zweiten Turnus – dass in ihm noch die alte gewaltige Kraft steckt. Wenn er besonnen bleibt, kann er manchem unangenehm werden. Showalter, auf allen Turnieren ein gern gesehener Teilnehmer, ist ein ausgezeichneter, aber zu ehrlicher Spieler. Seine Lieblingseröffnung, der er immer neue Seiten abzugewinnen versteht, ist das Damengambit. Die übrigen Teilnehmer sind: Marquez Sterling (Mexiko), in internationalen Turnieren noch unbekannt, aber von tüchtigem Rufe. Mortimer – alter Haudegen, alter Stil, hauptsächlich Evansgambit. Marshall, erster Sieger im Londoner Einrundenturnier, Rosen und Didier, zwei Pariser Spieler. Auf Rosen und Didier setzt man Hoffnung, sie spielen brillant. Der Ungar Bródy ist ein stiller, schwermütiger, tiefsinniger, jüngerer Mann, er hat große Kombinationskraft und zeichnete sich im „Kolisch-Turnier“ durch große Sicherheit aus wird voraussichtlich viele Remisen machen.
Das Spiel begann am 17.d.M. Zuschauer werden nur zugelassen, wenn sie für die Dauer des Turniers eine Eintrittskarte zu 100 Francs lösen. Besucher für einen einzelnen Tag gibt es nicht. Man nimmt aber an, dass jeder, der sich für Schach interessiert, auch bereit sei, etwas dafür zu opfern, hier also etwa 3 Francs pro Tag, was schließlich immer noch viel billiger ist, als ein guter Sitz in der Oper. Das Eintrittsgeld wird dem Turnierfonds zugewiesen und soll zur Vermehrung der Preise dienen. Die Spieler, auf das herzlichste empfangen, wurden sofort zu Mitgliedern des „Grand Cercle“ ernannt, was eine große Auszeichnung bedeutet, da man bei der Aufnahme in dieser Gesellschaft besonders rigoros ist und überdies ein erheblicher Mitgliedsbeitrag (240 Francs) zu leisten ist. Der Club hat 600 Mitglieder, 2 Millionen Francs Ersparnisse aus früheren Jahren, er ist einer der vornehmsten geschlossenen Cirkel von Paris. Die Clubräume imponieren schon durch ihre Höhe. Luft und Licht finden Einlass durch gewaltige, sechs Meter hohe Fenster. Die Einrichtung ist reich, und alles zeigt jenen gediegenen Luxus, den man in den Häusern hoher Aristokraten findet. Der Club zahlte voriges Jahr 48.800 Francs für die Beleuchtung seiner Säle und hat seine Ausgaben pro 1900 mit 300.000 Francs präliminiert. Am 15. gab der Club zu Ehren der Meister ein glänzendes Dinner zu 120 Personen in den eigenen Räumen, und dabei lernte man Küche und Keller kennen. Dreißig Diener in der Livrée des Grand Cercle besorgten den Dienst bei der Tafel, und das waren nicht Piccoli, sondern durchwegs würdige Individuen, die ihre Obliegenheiten mit feierlicher Grandezza stumm und ruhig erfüllten. Die Garde républicain unter der Leitung von S. M. Parés, 45 Mann stark, besorgte den musikalischen Teil des Festes.
Die Schachmeister haben sämtliche Erfrischungen, wie Kaffee, Tee, Limonade, Syhons etc. frei und können auch ihre Mahlzeiten im Club einnehmen. Die meisten tun das auch und befinden sich ausgezeichnet dabei. Das Clublokal befindet sich neben der Redaktion und Druckerei der „Libre Parole“. Da ging es oft ein bisschen turbulent zu, insbesondere zur Zeit der Wahlen, und der Lärm der Straße drang bis zu den stillen, weltabgewandten Denkern und Rechnern heraus, die nicht begriffen, wie man für etwas anderes in Frankreich sich interessieren könnte als für die französische Partie: 1.e2-e4 e7-e6 usw.“

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