Teil 14 New York, New York – Schach in „Big Apple“
Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts europäische Kolonisten den Ureinwohnern ihre Insel, auf der heute Manhattan liegt, für eine Handvoll bunter Glasperlen abluchsten, auf der dann 1626, von dem in niederländischen Diensten stehenden deutschen Kolonisator Peter Minnewit „Neu-Amsterdam“ gegründet wurde, ahnte wohl keiner, dass hier einst eine der größten Städte der Welt entstehen würde. 1664 eroberten die Engländer Neu-Amsterdam und tauften die Stadt zu Ehren des Herzogs von York in New York um. (Heute ist Groß-New York mit 15 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der Welt nach: Tokio, Mexiko-Stadt und Sao Paulo). Ihren Aufstieg verdankt die Stadt am linken Ufer des Hudson River ihrer einmaligen Lage. Die drei Inseln Manhattan und Long Island, die nördlich gelegene Halbinsel Bronx und die dritte Insel im Südwesten, Staaten Island, bilden einen natürlichen Schutz vor der Hafeneinmündung, da sie wie ein Damm vor dem Atlantischen Ozean liegen. Nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten war New York erster Sitz der Unionsregierung. Ende des 18. Jahrhunderts begann der planmäßige, schachbrettartige Aufbau des Straßennetzes. Zwölf Avenues durchziehen in Nord-Süd-Richtung die Stadt, und mehrere hundert kleinere „Streets“, die in Ost-West-Richtung verlaufen. Geteilt wird die Stadt durch die Fifth Avenue und den Central Park.
New York gilt heute als die Metropole der Welt, das Symbol der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten. Es gibt wohl keine andere Stadt auf dem Globus, mit der in diesem Jahrhundert so viele Träume und Hoffnungen verbunden wurden wie New York. Die 46 Meter hohe Freiheitsstatue (ein Geschenk der Franzosen zum hundertjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit 1886) war der erste Anblick für die über 10 Millionen Einwanderer, die in New York im Laufe der Jahre auf dem Seeweg an-kamen. Wen wundert es, dass sich New York heute als ein Sammelplatz der Kulturen, als zusammengewürfelte Menschengemeinschaft im besten Sinne präsentiert. (Melting-Pot) Die amerikanische Metropole ist heute das Finanzzentrum der Welt (Wall Street), sie ist die Stadt des Dollars und des Triumphs des Kapitalismus und ihrer Symbole: den endlos in den Himmel ragenden Wolkenkratzern. (Empire State Building, Chrysler Building oder bis zum 11.09.2001 die beiden 420 Meter hohen Türme des World Trade Centers, in denen alleine 50 000 Menschen arbeiten).
Die Probleme, die eine solche Megametropole zu bewältigen hat, sind gewaltig. Waren es um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert noch die Kutschgefährten, die mit Krach und Gestank die Straßen durchfuhren, wobei die Gäule wöchentlich 8000 Tonnen Pferdeäpfel und gut zwei Millionen Liter Urin unter sich ließen, so sind es heute die Millionen Autos und die enormen Versorgungsprobleme. So braucht eine Stadt wie New York pro Einwohner-Millionen täglich 625 000 Tonnen Wasser, 2000 Tonnen Lebensmittel und 9500 Tonnen Treibstoff, zugleich wird die Umwelt mit 500 000 Tonnen Abwasser, 2000 Tonnen festen Abfällen und 950 Tonnen Luftschadstoffen verseucht. Wer sich aber von den Unwirtlichkeiten der Megalopolis New York nicht abschrecken lässt, kann eine Menge an Sehenswertem in dieser Stadt finden: Time Square, Fifth Avenue, Madison Avenue, Central Park, Freiheitsstatue oder die großen Kaufhäuser Macy`s, Bloomingdale oder Brooks Brothers und natürlich den Broadway, den „Crossroads of the World.“ Hier am Times Square wird jedes Jahr zum Jahreswechsel ein riesiger beleuchteter „Big Apple“, das Wahrzeichen der Stadt, von der Spitze des Gebäudes herabgelassen. Ist er unten angekommen, gilt – trotz der vielen Zeitzonen des Landes – das neue Jahr als offiziell für begonnen.
Das Schachspiel fasste in New York nur zögernd Fuß, und so kann sich die amerikanische Metropole mit Städten wie London, Wien, St. Petersburg oder auch Berlin in dieser Hinsicht kaum messen. 1857 fand in New York der erste amerikanische Schachkongress statt. Das Turnier wurde nach den selben Bedingungen, also kleine Matchs zwischen zwei Gegnern, wie 1851 in London gespielt. Es war das einzige Turnier, an dem der amerikanische Heros Paul Morphy jemals teilnahm. Er bezwang im Finalduell den deutschen Meister Louis Paulsen mit 6:2 und erreichte insgesamt 15,5 Punkte, gefolgt von Paulsen 10,5 und 14 weiteren Spielern. Abgesehen von einem kleinen Turnier 1880, das von dem eingewanderten Schotten George Henry Mackenzie (*1837 – †1891) (Elo: 2560) gewonnen wurde, kam es erst 32 Jahre nach dem Sieg von Morphy, 1889 zu einem weiteren großen Turnier in New York. Beim 6. amerikanischen Kongress kam es in der Zeit vom 25.März – 27.Mai 1889 zum längsten Schachturnier der Geschichte. Das Turnier, das mehr als zwei Monate dauerte und doppelrundig gespielt wurde, sah 20 Teilnehmer am Start, die nach dem zweiten Durchgang, als das Reglement geändert wurde, ihre erste Remispartie, die nicht in die Endabrechnung einging, wiederholen mussten. Erst wenn nun auch die zweite Partie remis ausging, wurde ein halber Punkt gewertet. Wären auch die nicht gewerteten Remisen angerechnet worden, hätte das Turnier mit einer Sensation geendet, denn dann hätte mit Max Weiss (*1857 – †1927) (Elo: 2540) ein Wiener Depotkassierer, der in der Bank bei Baron Rothschild angestellt war, das Turnier mit 29 Punkten gewonnen. (Tschigorin 28, Blackburne 27,5 usw.) So aber gingen Tschigorin und Weiss gemeinsam mit je 29 Punkten durchs Ziel und ein kleiner Wettkampf von 4 Partien sollte den endgültigen Sieger ermitteln. Aber ermüdet vom langen Turnier, jeder hatte 38 Partien hinter sich, gingen die 4 lustlos gespielten Partien remis aus und man teilte sich die beiden ersten Preise. Weiss zog sich nach dem Turnier, obwohl er erst 31 Jahre alt war, vom internationalen Turnierschach zurück, während Tschigorin seinen Sieg zum Anlass nahm, Steinitz erneut zu einem Kampf um die Weltmeisterschaft herauszufordern. Die letzten beiden Turniere, die im alten Jahrhundert in New York gespielt wurden, fanden 1893 und 1894 statt. Im ersten Turnier siegte Lasker mit hundert Prozent (13 Punkte bei 14 Teilnehmern) und das zweite Turnier wurde der Schwanengesang des Exweltmeisters Wilhelm Steinitz. Er, der zuvor im Frühjahr seinen Weltmeistertitel in New York, Philadelphia und Montreal an Emanuel Lasker verloren hatte, gewann hier sein letztes Turnier. Mit zwei Aus-nahmen, die den eigentlichen Inhalt dieses Artikels bilden sollen, sind im 20. Jahrhundert keine großen Rundenturniere mehr in New York veranstaltet worden. Lediglich Capablanca kam zu Anfang des Jahrhunderts bei einigen kleinen Turnieren noch zu Erfolgen. Einen Höhepunkt erlebte das New Yorker Schach Mitte der 50er Jahre, als ein 12-jähriger Junge im Manhattan Chess Club am Central Park aufkreuzte und hier die arrivierten Meister wie Larry Evans, William Lombardy, Arthur Bisguier oder die Gebrüder Donald und Robert Byrne beim „Blitzen“ in Grund und Boden spielte, und New York für knapp 20 Jahre zum Nabel der Schachwelt machte. Sein Name: Bobby Fischer. Sieht man vom Weltmeisterschaftsduell 1995 zwischen Kasparow und Anand sowie dem Kampf Kasparow gegen Deep Blue 1997 ab, so bleibt nur noch das seit den 70er Jahren jährlich sehr beliebte New Yorker Open-Turnier, das regelmäßig große Scharen von Spielern anzieht, die dann um die gut dotierten Prämien ringen.

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