Die Welt des Schachs Band 1 – Teil 3

Teil 3 Die Ukraine – Schach im Grenzland

Die Ukraine war nach Russland und Kasachstan die drittgrößte ehemalige Sowjetrepublik, und ist heute nach Russland das zweitgrößte Land in Europa. Es umfasst eine Fläche von 603 700 km2 auf der ca. 52 Millionen Einwohner zu Hause sind, wobei nochmals rund 1,5 Millionen Ukrainer in den USA und 1 Million in Kanada leben. Die Bevölkerung setzt sich aus 73,6 % Ukrainer, 21,1 % Russen und 5,3 % anderen Nationen zusammen, darunter Juden, Weißrussen, Moldawier, Krimtataren, Bulgaren, Polen, Ungarn und Rumänen.

Da das Wort „kraj“ in fast allen slawischen Sprachen „Rand“ oder „Grenze“ bedeutet, ist somit „Ukraina“, das Land am Rande, das Grenzland, das vom Kaukasus bis zu den Karpaten und vom Schwarzen Meer bis zu den Pripjetsümpfen reicht.

Aus Moskauer Sicht, aus der Sicht der Kapitale eines riesigen Reiches, lagen die Ukrainer denn auch stets am Rande. Schließlich wurden sie auch lange Zeit noch als „Kleinrussen“ bezeichnet, was ebenfalls darauf schließen lässt, dass die Ukraine als eine Art Kolonie betrachtet wurde. Dabei gilt die Ukraine doch  als die Keimzelle des alten Russlands.

Der heute wieder neu erwachte ukrainischen Nationalstolz, der sich mitunter beängstigend offenbart, dürfte nicht zuletzt aus den zahlreichen Demütigungen, die dieses Land von seinem russischen Nachbarn erfahren hat, resultieren.

Die Ukraine lag aber keineswegs immer am Rande. Der wohl erste slawische Staat überhaupt war um das 9. Jahrhundert entstanden („Kiewer Rus“). Kiew wird somit zu Recht als die Mutter aller russischen Städte bezeichnet. Erst später verlagerte sich das Machtzentrum dieses Staates weiter nach Norden, und erst später entwickelten sich drei eigenständige ostslawische Sprachen: Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch.

Große Teile der heutigen Ukraine gehörten im Mittelalter zu Litauen, dessen Einflussbereich damals bis zum Schwarzen Meer reichte. Nach Litauen beanspruchten die Polen das überaus fruchtbare Land im Süden Russlands.

Wohl nicht zuletzt der vielen Fremdherrscher wegen haben die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer eine lange Tradition. Nach der Oktoberrevolution nutzten die Ukrainer dann erstmals die Chance und lösten sich von Russland. Kriegs- und Bürgerkriegswirren sowie die – auf die zunächst großzügige Anerkennung der Unabhängigkeit folgende – militärische und politische Einverleibung der Wirtschaftsmacht Ukraine durch die Bolschewisten bereiteten manchen Träumen ein rasches Ende. (Lenin: „Eine Sowjetunion ohne Ukraine ist wie ein Körper ohne Kopf!“)

Fortan war die Ukraine Ziel einer konsequenten Russifizierungspolitik. Stalin traf mit seiner brutalen Kollektivierung der Landwirtschaft ganz besonders die Kornkammer Ukraine: den Verfolgungen und Ausrottungsaktionen, die sich besonders gegen die Kulaken (sowjetische Bezeichnung für Mittel- und Großbauern) richteten, sowie der nachfolgenden Hungersnot von 1932/33 fielen Millionen Ukrainer zum Opfer. Dies hatte wiederum zur Folge, dass die 1941 einmarschierenden deutschen Soldaten von vielen Ukrainern zunächst als Befreier empfangen wurden.

Unter dem Decknamen „Barbarossa“ hatte sich am 22. Juni 1941 die größte Kriegsmaschine der Weltgeschichte mit 3 Millionen Soldaten, 3600 Panzern und fast 2000 Flugzeugen in Bewegung gesetzt und traf auf eine technisch und organisatorisch ungenügend vorbereitete, durch die stalinistische Säuberungswelle von 1937/38, in ihrer Führung geschwächte Rote Armee. Bis Ende des Jahres 1941 erlitt die sowjetische Armee eine Reihe von schweren Niederlagen, wobei allein in den Kesselschlachten an die 2 Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Die grausame Besatzungspolitik der Nazis jedoch führte dazu, dass sich alsbald eine ukrainische Widerstandsarmee unter der Führung des legendären Stepan Bandera (vom KGB 1959 im Münchener Exil ermordet) bildete, die sowohl gegen die Deutschen als auch gegen Stalins Sowjetarmee kämpfte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgte Stalins Rache auf dem  Fuße: Er begann die annektierte Westukraine (Gebiete Ostpolens, der Tschechoslowakei und Rumäniens wurden hier angegliedert) zu russifizieren, zerschlug die ukrainisch-unitarische Kirche und plante, die gesamte Bevölkerung der Region (10 Millionen Menschen) nach Sibirien zu deportieren. Nur mit Mühe konnten seine Berater im Kreml ihm diesen Plan ausreden, weil sie befürchteten, es könnte ein neuer Kleinkrieg entstehen und darüber hinaus zu Interventionen des Westens kommen.

Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde die Ukraine im August 1991 unabhängig und bildete nun eine selbständige Republik, die sich 1996 eine neue Verfassung mit Präsidialdemokratie nach französischem Vorbild gab.

Wirtschaftlich gesehen war die Ukraine die wichtigste Republik der ehemaligen UdSSR. Auf ihren fruchtbaren Böden produzierte sie die Hälfte der gesamten Agrarproduktion der Sowjetunion und diese fügte sich daher nur schwer in die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer, die vor neugewonnenem Selbstbewusstsein nur so strotzen: „Wir sind nicht der kleine Bruder Russlands, sondern, wenn schon, dessen älterer Bruder. Wir waren schon Bauern, als die Russen noch Bären jagten.“

Lwiw die heutige Hauptstadt der Westukraine, das  ehemals deutsche  Lemberg – Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien – hat eine wechselvolle Geschichte. Sie wurde gegründet im 13. Jahrhundert als Frontstadt der Kiewer Rus, des Vorgängerreiches der Moskowiter. 1353 wurde Galizien vom Polenkönig Kasimir der Große erobert, kam dann 1772 bis 1918 zu Österreichisch- Galizien, wobei Maria Theresia geweint haben soll, als man ihr nach dreißigjähriger Amtszeit die Last dieses Landes aufbürdete, das dann zum Armenhaus des Habsburgerreiches wurde.

Dann gehörte es wieder bis zum Zweiten Weltkrieg zu Polen, bis es  Hitler mit dem geheimen Zusatzprotokoll zum Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 an die Sowjets verschacherte, bei denen die Stadt nun Lwow hieß. Um die Jahrhundertwende zählte Lemberg rund 160.000 Einwohner, darunter mehr als die Hälfte Polen, 45.000 Juden und knapp 30.000 Ruthenen – so nannten die Habsburger damals die Ukrainer. Aber auch Armenier, Griechen, Türken, Tataren, Deutsche, Tschechen, Russen und Zigeuner lebten in dieser Stadt, die heute an die 800.000 Einwohner zählt, in der überwiegenden Mehrheit   Ukrainer. Wohnten bei Kriegsanfang  noch 110.000 Juden in der Stadt, so sind es heute gerade noch 7000.

Vom einstigen Glanz der Stadt, der „Bibliopole“, wie die Bewohner damals stolz sagten, mit ihren Buchhandlungen und Antiquariaten, den vielen polnischen, ukrainischen und jüdischen Verlagen und Autoren ist nichts mehr übrig geblieben. Sie sind ebenso dahin wie die eleganten Kaffeehäuser „nach Wiener Art“, von denen manche mehr als hundert Tageszeitungen für ihre Kunden aufliegen hatten.

Der wohl berühmteste Dichter Galiziens, der in Brody östlich von Lemberg geborene Joseph Roth (*2.9.1894 Brody – †27.5.1939 Paris), der in Lemberg  und Wien Germanistik studiert hatte, nannte Galizien „eine kleine Filiale der großen Welt“ und schrieb ahnungsvoll „die Städte überleben Völker, denen sie ihre Existenz verdanken, und Sprachen, in denen ihre Baumeister sich verständigt haben.“

Und Paul Celan (*23.11.1920 Czernowitz – †26.4.1970 Paris), der deutsch-sprachige Lyriker (Todesfuge: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“), meinte über seine Heimat, „Es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten.“

Heute versammeln sich auf dem ehemaligen Lenin-Prospekt von Lwiw, der jetzt Boulevard der Freiheit heißt, spätabends beim Denkmal des ukrainischen Nationalpoeten Taras Schewtschenko (*1814 – †1861), dem Puschkin der Ukraine, die Menschen und singen Freiheitslieder.

Das Schachspiel hat in der Ukraine eine lange Tradition und schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Ukraine eine Reihe von großen Meistern hervorgebracht.

Wir folgen auszugsweise dem Buch: Helmut Wieteck – Die Welt des  Schachs Band 1
Edition Jung 2008, DIN A5, 308 Seiten, kartoniert.

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