Teil 4 Ungarn – Schach bei den Magyaren
Im 9. Jahrhundert besiedelten die aus dem Osten kommenden Magyaren das Karpatenbecken, die sogenannte pannonische Ebene. Sie hatten im Jahre 906 das mährische Reich zerschlagen und sich an der Theiß und mittleren Donau niedergelassen. Von dort aus unternahmen sie mehrere Raubzüge gegen das ostfränkische Reich, gegen Italien, Frankreich, Lothringen, Burgund, Spanien und im Südosten gegen Byzanz. Während der Regierungszeit Kaiser Ottos I. stießen die Ungarn wieder vor, durchzogen verwüstend und mordend Deutschland bis nach Flandern, drangen ein Jahr später wieder bis an die Iller vor und belagerten Augsburg. Dort trat ihnen schließlich Otto I. mit einem Aufgebot aller deutschen Herzogtümer entgegen und schlug sie entscheidend in der berühmten Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955. Danach erst wurden die Ungarn an der Theiß sesshaft. Als sie hundert Jahre später unter Stephan I. ein Königreich errichteten, schlug die Geburtsstunde der Ungarn, die mit ihrem Idiom, das nicht indogermanischen Ursprungs ist, zur finnougrischen Sprachengruppe gehören.
In der Folgezeit wechselten die Herrscher, und um 1200 kamen deutsche und italienische Siedler ins Land und ließen sich bevorzugt in Buda und Pest nieder, wo sie in dem dort aufblühenden Zentrum für Handel und Handwerk günstige Bedingungen vorfanden.
Im 13. Jahrhundert überfielen Mongolen das Land und 1526 besetzten die Türken große Teile von Ungarn. 1699 befreiten dann die Habsburger das Land und gliederten es der Donaumonarchie ein. Maria Theresia holte die Donauschwaben ins Land, die sich hauptsächlich im Banat ansiedelten, das dann 1920 zwischen Jugoslawien, Rumänien und Ungarn aufgeteilt wurde.
Überhaupt lebten schon seit dem frühen Mittelalter viele verschiedene Volksangehörige in Ungarn: Slowaken, Ruthenen Rumänen, Deutsche, Serben, Kroaten und viele andere kleinere ethnische Gruppen.
Die Städte Buda und Pest, die durch die Donau getrennt waren, vergrößerten sich im Laufe der Jahre und hatten um das Jahr 1800 24.000 Einwohner (Buda) bzw. 30.000 (Pest). 1848/49 wurde der Freiheitskampf der Ungarn blutig niedergeschlagen.
Der Dichter und Volksheld Sándor Petöfi löste durch das Rezitieren seines „Nationallieds“ auf den Stufen des Nationalmuseums und durch die Proklamation der „zwölf Punkte“ die Märzrevolution aus. Lajos Kossuth forderte öffentlich eine ungarische Regierung, die unter Leitung von Graf von Batthyány auch eingerichtet wurde. Mit Hilfe des russischen Zaren schlugen die Habsburger den ungarischen Aufstand nieder. Während Sándor Petöfi auf dem Schlachtfeld starb, wurden viele der Aufständischen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, hingerichtet. Graf Batthyány wurde erschossen und mit ihm 13 Generäle. In diesem Freiheitskampf der Ungarn starben auch viele Deutsche und Serben, die mit den Ungarn Seite an Seite gekämpft hatten.
Unter den Emigranten dieser Zeit, die noch rechtzeitig nach England entkommen konnten, waren auch die beiden starken ungarischen Schach-meister Josef Szén (*9.7.1805 Pest – †13.1.-1857 Pest) (Elo: 2450) und Johann Jacob Löwenthal (*15.7. 1810 Pest – †21.7.1876 Hastings) (Elo: 2510).
1873 kam es zur Vereinigung von Buda und Pest sowie dem Ort Òbuda zu Budapest, das somit an die 300.000 Einwohner zählte.
1896 feierte man in Ungarn das tausendjährige Bestehen des Landes und die Millenniumsausstellung lockte Besucher aus aller Welt nach Budapest, die die erste Untergrundbahn Europas bestaunen konnten. Ungarn war nun auf dem Höhepunkt seines nationalen Selbstbewusstseins und Budapest rivalisierte mit den europäischen Metropolen Wien, Paris oder Berlin.
1914 trat Ungarn als Verbündeter von Österreich in den Ersten Weltkrieg ein und verlor dabei 380.000 Soldaten. Bei der großen Hungersnot, die das ganze Land gegen Ende des Krieges befiel, kam auch der Wiener Schachmeister Karl Schlechter um (*2.3.1874 Wien – †27.12.1918 Budapest) (Elo: 2600), der 1918 zu Simultanpartien in Budapest weilte.
Als 1918 die k.u.k. Monarchie zerfiel, wurde die ungarische Republik ausgerufen und 1920 wurde Miklós Horthy Staatsoberhaupt und Reichsverweser. Im Vertrag von Trianon musste der junge Staat erhebliche Gebietsverluste hinnehmen: zugunsten der Tschechoslowakei, Rumäniens und Jugoslawiens schrumpfte Ungarn auf ein Drittel seines Territoriums.
1941 trat Ungarn als Verbündeter des Deutschen Reiches in den Zweiten Weltkrieg ein, wonach 1944 deutsche Truppen in Budapest einmarschierten. Unter dem Schreibtischtäter SS-Obersturmbannführer Karl Adolf Eichmann (er wurde 1960 in Argentinien von Mossad-Agenten aufgespürt und 1962 nach einem aufsehenerregenden Prozess in Israel hingerichtet) wurden 600.000 ungarische Juden Opfer des Holocaust.
1945 nahmen russische Truppen Budapest ein, Ungarn wurde nach sowjetischen Muster umorganisiert und Volksrepublik.
1956 kam es zum Volksaufstand, als Studenten demonstrierten und eine politische Erneuerung forderten. Das ungarische Regime rief die Sowjet-union zur Hilfe. Bei den sich entwickelnden Straßenkämpfen fanden 25.000 Menschen den Tod.
Und abermals suchten viele Menschen in der Emigration ihr Heil. Unter ihnen auch diesmal wieder Schachmeister wie z.B. Pal Benkö (*15.7.1928 Amiens) (GM seit 1958), der nach langen Jahren in den USA heute wieder in Ungarn lebt, oder Ernö Gereben (*18.6.1907 Sopron – †16.5.1988 Thun) (IM seit 1950).
1990 schließlich wandte sich Ungarn vom Kommunismus ab und wurde eine bürgerliche Republik, wonach in der Folge die russischen Truppen das Land verliessen. 1994 konnte bei den freien Parlamentswahlen Gyula Horn die meisten Stimmen auf sich vereinen. Er stellte die Regierung und beantragte die Aufnahme in die EU.
Ungarn, das sich in den letzten Jahren immer mehr von einem Agrarstaat in ein exportorientierten Industriestaat verwandelt hatte, konnte nach dem Stabilisierungsanlauf von 1995 und der weiterschreitenden Privatisierung seine Wirtschaftsdaten ständig verbessern, wobei heute der Tourismus bei den rund 10 Millionen Einwohnern (1,9 Millionen davon leben allein in der Hauptstadt) ein bedeutender Wirtschaftszweig geworden ist. Und die Touristen kommen gerne nach Ungarn, wo das Preis-Leistungsverhältnis noch stimmt, der Zigeunerprimas sein: „Jaj, Mamán, Bruderherz, was kostet die Welt?“ schmettert oder sehnsuchtsvoll „Die Julischka, die Julischka aus Buda- Budapest“ besingt, fühlt man sich beim fröhlichen Volk der Magyaren, die bisher jede Krise mit unverwüstlicher Zuversicht gemeistert haben, gut aufgehoben.
Anlässlich der Millenniumsfeier 1896 fand im Herbst das erste internationale Schachturnier auf ungarischem Boden statt. 16 Meister wurden eingeladen. Aber Lasker und Steinitz konnten nicht teilnehmen, denn sie waren gerade mit ihren Vorbereitungen zum Weltmeisterschaftsrückkampf beschäftigt, der ja am 7. November in Moskau beginnen sollte.
Nachdem auch kurzfristig Alapin und Makovetz zurücktraten, sprang schließlich Maroczy ein, der sich aber so schnell nicht auf das Turnier vorbereiten konnte, was dann auch an seinem schlechten Tabellenplatz abzulesen war.
Charousek, der acht Wochen zuvor in Nürnberg noch auf dem 12. Platz gelandet war, wo er allerdings den großen Lasker besiegen konnte, zeigte hier zu welcher Leistung er fähig war. Doch ihm waren nur noch 3½ Jahre vergönnt. Nach einem ersten Platz in Berlin 1897, einem 2. – 4. Platz in Köln 1898 und nochmals einem ersten Platz in Budapest 1898, verstarb er früh mit erst 27 Jahren an der Schwindsucht.
Nicht weit vom heutigen Budapest hatten die Römer die Hauptstadt der Provinz Pannonien – Aquincum – errichtet. Nicht zuletzt die aus den Budaer Bergen entspringenden warmen Thermalquellen veranlasste die Legionäre, gerade hier ihre Stadt zu errichten. So steht denn auch die alte römische Stadt für die über Jahrhunderte fortgesetzte Budapester Badetradition, die den Charakter der Hauptstadt weitgehend mitgeprägt hat. „Weltstadt der Badekultur“ wird deshalb auch die Metropole am Ufer der Donau genannt.
123 Quellen speisen heute die Bassins der acht Heilbäder der Stadt. Ins „Széchenyi“, drüben auf der Pester Seite, verirren sich nur wenige Fremde. Hier sind die Ungarn unter sich. Das einstige größte Heilbad Europas mit Thermal- und Wannenbädern und drei großen Freibassins erinnert an ein märchenhaftes Wasserschloss mit Kuppeln und Türmen, mit Mosaiken aus Glas und farbigen Fresken, mit Säulen und Arkaden und einer Vielzahl unverhüllter Figuren in dramatischer Pose.
Mit Vorliebe treffen sich hier ungarische Männer und spielen bei 36 Grad Wassertemperatur stundenlang Schach.
Während des Unabhängigkeitskampfes der Ungarn kam bei der Schlacht von Segesvár in Siebenbürgen am 31. Juli 1849 auch ihr Nationaldichter Sándor Petöfi ums Leben. Von einer Kosakenlanze durchbohrt, aber noch am Leben, warfen ihn die Kosaken in ein Massengrab. Auf seinen verzweifelten Ruf: „Begrabt mich nicht, ich lebe!“ soll die Antwort gewesen sein: „Dann verrecke!“ Er, der die Ungarn zum Freiheitskampf aufgerufen hatte, wurde nur 27 Jahre alt, doch sein Aufruf wurde zum Nationallied.

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