Die Welt des Schachs Band 1 – Teil 6

Teil 6 Das Baltikum  –  Schach am Ostseeufer

Die drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen ähneln von der Landschaft her in vielem dem ehemaligen Ostpreußen. Zwischen Wäldern und Heideland, Sümpfen und Mooren breiten sich Äcker, Wiesen und Weiden aus und die etwas feuchten Böden und das Küstenklima eignen sich besonders für den Flachsanbau. So ist denn auch die Landwirtschaft der größte Wirtschaftsfaktor, gefolgt – dank der großen Waldgebiete – von der Holz-,  Zellstoff-  und Papierverarbeitung. Aber auch der Schiffsbau und die Präzisionstechnik, wie die elektronische Industrie, sind auf dem Vormarsch.

In den Küstenregionen ist das Fischereiwesen von großer Bedeutung, wobei moderne Eisbrecher im Winter die Häfen offen halten. Eine alte Quelle des Reichtums aber ist der Bernstein, der an der Ostseeküste in großen Mengen gefunden wird.

Die baltischen Völker, die nicht zu den Slawen gehören und sich daher auch der lateinischen statt der kyrillischen Schrift bedienen, stehen in einer langen Tradition des Abwehrkampfes gegen äußere Bedrängnis. Schon Anfang des 13. Jahrhunderts mussten sie sich der Ritter erwehren, die ins Baltikum einfielen. Papst Inozenz III. hatte zum Kreuzzug gegen die Heiden am Ostseeufer aufgerufen. Der „Orden der Ritterschaft Christi“, die sogenannten „Schwertbrüder“ eroberten Teile des heutigen Estland und Lettland, scheiterten aber an den Litauern, die die Ritter in die Flucht schlugen. Der „Deutsche Orden“ schließlich konnte dann später das sogenannten Livland, das nördliche Baltikum, unterwerfen und die Stämme der Pruzzen, Kuren, Semgaler und Sudgauer „mit dem Schwert missionieren.“ Die Amtssprache wurde Deutsch und die Kaufleute der Hanse errichteten Handelsmissionen.

Doch im 16. Jahrhundert ging der deutsche Vorposten durch kriegerische Auseinandersetzungen verloren. Die Ostseegroßmächte Schweden, das Litauische-Polnische Doppelreich und schließlich Russland rissen nacheinander die Baltenlande an sich. Doch erst 1867 löste Russisch das Deutsche als Behördensprache ab und als 1905 die Balten sowohl die russische als auch die deutsche Reaktion blutig niederschlugen, zeigten sie, dass sie zu einem gemeinsamen nationalen Aufstand fähig waren.

Die bolschewistische Revolution von 1917 gegen die Zarenherrschaft und der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches nutzten die Balten, Freiheit auch für ihre Völker zu verlangen. Im September 1921 wurden sie in den Völkerbund aufgenommen und verstanden sich als Brücke zwischen Ost und West. Doch im Schatten der europäischen Diktaturen wurde die junge Unabhängigkeit bald bedroht. Die deutschen Minderheiten wurden durch die NSDAP unterwandert und der Druck der Kommunisten war ebenfalls unübersehbar.

In diesem Gemenge von baltischen Nationalisten, baltisch-russischen Bolschewisten und deutschbaltischen Separatisten, die jetzt offen den Anschluss an das Reich verlangten, stieß Ende 1917 die Armee des Kaisers und besetzte das gesamte Baltikum. Aber schon bald mussten die Deutschen der Roten Armee weichen, die Ende 1918 große Teile des Baltikum überrannte und die „Estnische Sowjetrepublik“ ausrief, wonach auch Litauen  1919 kommunistisch wurde.

1920 wurde die Unabhängigkeit der drei Baltenrepubliken in separaten Friedensverträgen mit Russland besiegelt und 1923 okkupierte Litauen das Memelland. Doch 16 Jahre später holte Hitler das Memelland wieder zurück und im Hitler-Stalin-Pakt 1939  teilten die Diktatoren Osteuropa in zwei „Interessenssphären“ untereinander auf. West- und Mittelpolen fielen an Hitler-Deutschland, Osteuropa und das Baltikum kamen unter die Herrschaft der Sowjetunion.

Es folgte die Umsiedlung der Baltendeutschen, von denen im Winter 1939/40 an die  65000  „heim ins Reich“ geholt wurden. Schließlich, als 1945 die Sowjets kamen und „antisowjetische Elemente“ massenhaft aus ihren Wohnungen geholt und innerhalb weniger Stunden schwer bewacht in Viehwaggons verladen nach Sibirien verschleppt wurden, begann erneut das Leiden der Balten.

Nach Glasnost und Perestroika sind unter dem Stichwort „Free the Baltics“  seit 1991 alle drei baltischen Staaten wieder unabhängig und ihr größter Wunsch ist es, mit Hilfe des Westens in die große europäische Völkerfamilie  aufgenommen zu werden.

Estland

Die Esten sind ein Volk, das zur finnougrischen Sprachenfamilie gehört und damit von der Sprache her eher den Finnen und Ungarn verwandt ist. Über 60 Prozent der Bevölkerung sind Esten, während der Rest aus Russen und Ukrainern besteht, wobei fast die Hälfte aller Einwohner der Hauptstadt Tallinn Russen sind. Gerade diese Gruppe hat es heute in Estland nicht leicht. Ursprünglich als entwurzelte russischsprachige Industriearbeiter nach Estland gekommen, wo sie besser als in ihrer Heimat verdienen konnten, sind die etwa 600.000 Menschen heute nicht mehr gerne im Land gesehen. Denn man hat noch nicht vergessen, dass mehr als 100.000 Esten beim Einmarsch der Roten Armee 1945 nach Sibirien verschleppt wurden, von denen nur wenige zurückkamen. Die ungebetenen „Gäste“ sollen nun verdrängt werden, was natürlich Russland nicht dulden kann und so ist ein lang anhaltender Konflikt vorprogrammiert. Ein echter Este schweigt, oder er singt. Reden jedenfalls tut er nicht. So zumindest will es das Klischee. Und so sagt man den Esten nach, sie seien wortkarg, hätten Berührungsängste und ein großes Distanzbedürfnis zu anderen Völkern. Auch ein Umstand, der die im Lande lebenden Russen mit ihren „Wirtsleuten“ nicht warm werden lässt.

Das estnische Schach hat eine Reihe von herausragenden Meistern hervorgebracht. Allen voran der wohl bedeutendste Schachmeister des Landes und einer der größten in der Welt,  Paul Keres (*7.1.1916 Narva –  †5.6.1975 Helsinki) Vorreiter des estnischen Schachs waren: Ortwin Sarapu (*20.1.1924 Narva, Estland – †13.4.1999 Auckland, Neuseeland). Lionel Kieseritzky (*1.1.1806  Dorpat  –  †18.5.1853 Paris), Paul Schmidt (*20.8.1916 Tallinn (Reval)  –  †11.8.1984 Allentown, Pennsylvania) Weitere bedeutende Meister aus Estland waren Andreas Ascharin (*24.7.1843 Dorpat – 24.12.1896 Riga), Lucius Endzelins (*21.5.1909 Dorpat  – †27.10.1981 Adelaide), Lembit Oll  (*7.11.1964 Tallinn  –  †16.5.1999 Tallinn). Ivo Nei (*31.10.1931), Tynu Yim (*16.6.1941 Tallinn), Jaan Ehlvest (*14.10.1962 Tallinn).

Lettland

Im Römischen Reich waren die indogermanischen Letten durch den Bernsteinhandel bekannt. Bevor sie in ihrem Siedlungsgebiet ein eigenes Staatswesen entwickeln konnten, kamen sie unter die Oberhoheit der christlichen, deutschen Ordensritter. Im 13. Jahrhundert wurde Riga Mitglied der Hanse und bedeutender Hafen- und Handelsplatz. Zar Peter der Große eroberte die Stadt 1710 von den Schweden und sicherte sich nach und nach das gesamte Territorium des heutigen Lettlands.

Im alten Zarenreich stieg Riga zur drittgrößten Stadt von Russland auf, aber die Straßenschilder blieben dreisprachig: russisch, die Staatssprache, deutsch – das deutsche Bürgertum stellte die kulturelle dominierende Schicht dar – und schließlich lettisch, die Sprache des Volkes. Deutsch wurde dann bei Ausbruch des ersten Weltkrieges bei Strafe verboten, aber in der deutschgeprägten Hauptstadt Riga heimlich weiter gesprochen. Heute haben die Letten ein Problem mit den 680 000 Russen, Ukrainern und Polen in ihrem Land, die einen Bevölkerungsanteil von 60 Prozent haben. Ja, in einer Stadt wie Daugavpils (Dünaburg) stellen die Nichtletten sogar 83 Prozent der Einwohner. Dass dies den Letten nicht gefällt, liegt auf der Hand. Und so sind Bestrebungen im Gange, die Fremden zu vergraulen, wobei man aber immer noch die Stimme aus dem Kreml fürchtet, hat doch seiner Zeit schon Boris Jelzin den Esten und Letten „Diskriminierung der Russen“ vorgeworfen und gedroht, die russischen Truppen im Baltikum zu belassen, um seine Landsleute dort zu schützen.

Lettland, das eine Fülle von starken Schachmeistern hervorgebracht hat, ist natürlich besonders stolz auf seine beiden größten Schachsöhne: Aaron Nimzowitsch (*7.11.1886 Riga  –  †16.3.1935 Kopenhagen) und den achten Schachweltmeister Michail Tal (*9.11.1936 Riga  –  †28.6.1992 Moskau) der als „Schachzauberer von Riga“ in die Schachgeschichte eingegangen ist. Doch auch die Liste der weniger bekannten Meister und Theoretiker hat in der Schachwelt einen guten Klang. Bodo von Dehn (*10.9.1894 St. Petersburg  –  †4.3.1971 Sandershausen b. Kassel), Wladimir Petrow (*22.9.1907 Riga  –  †15.3.1945 Smolensk ?), Movsa Feigin (*28.2.1908 Daugavpils  –  †11.8.1950 Buenos Aires), Edmar Mednis (*22.3.1937 Riga), Alexander Shabalow (*12.9.1967), Edwin Kengis (*12.4.1959 Cesis), Alexej Schirow (*4.Juli 1972 Riga), Friedrich Amelung (*23.3.1842 Dorpat  –  †22.3.1909 Riga), Karl Behting (*27.10.1867 Berzmuiza/Kurland  –  †28.3.1943 Riga), Alexander Koblenz (*3.9.1916 Riga  –  †9.12.1993 Berlin), Herman Mattison (*28.12.1894 Riga – †16.12.1932 Riga), Aiwar Petrowitsch Gipslis (*8.2.1937 Riga   –   †13.4.2000 Berlin).

Litauen

Die Litauer blicken auf eine große Geschichte zurück. Litauen („Lietuva“) bildete seit Ende des 14. Jahrhunderts in Personalunion mit Polen eines der größten Reiche des damaligen Europa, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte und einen Teil Russlands und der Ukraine umfasste. Bei der dritten Teilung Polens 1795 kam das Gebiet zu Russland und der Zar wurde auch Großfürst von Litauen. Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs der Widerstand gegen die Russen, worauf der Zar die litauische Nationalbewegung, mit einer drastischen Russifizierung begegnete. Noch unter der deutschen Besetzung im Ersten Weltkrieg proklamierte der Litauische Rat (Lietuvos Taryba) am 16. Februar 1918 die staatliche Unabhängigkeit. Anfang November wurde eine demokratische Verfassung verkündet und die Sowjetunion erkannte schließlich am 12. Juli 1920 die Unabhängigkeit an. Im Oktober dann besetzte Polen Wilna, während die Litauer das Memel-Gebiet annektierten. Als erste der baltischen Staaten hatte Litauen schon am 28. März 1926 mit der Sowjetunion einen Nichtangriffspakt geschlossen. Im Juni 1940 kam von der UdSSR die Aufforderung zur Bildung einer prosowjetischen Regierung, tags darauf begann der Einmarsch der Truppen und am 21. Juli stimmte ein gleichgeschaltetes Parlament für die Aufnahme in die Sowjetunion. Noch einmal  wechselten in Litauen die Besatzer. Nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion marschierten deutsche Truppen in Litauen ein. 1944 wichen sie der Roten Armee. Heute sind rund 80 Prozent der Einwohner Litauer, gut 9 Prozent Russen und der Rest verteilt sich auf andere Nationalitäten. Aber wie in den Hauptstädten von Lettland und Estland, sind auch hier in der Hauptstadt Wilna nur die Hälfte der Einwohner Litauer, und die russischen Einwanderer haben sich, sehr zum Missmut der Litauer, auf Dauer eingerichtet.

Obwohl Funde von Schachfiguren bis ins Mittelalter zurückgehen, war die Schachtradition in Litauen nicht so ausgeprägt wie in den beiden anderen baltischen Ländern. Durch die wechselnden Besitzverhältnisse im Lande konnte eine eigenständige Kultur nur sehr spärlich aufkommen, und so beginnt praktisch die litauische Schachgeschichte erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die litauische Schachföderation („Lietuvos Sachmatu Federacija“) im April 1930 Vollmitglied im Weltschachverband wurde. Als Litauen dann 1940 für 50 Jahre von der Weltkarte verschwand und in dieser Zeit zur UdSSR gehörte, verstummte auch das eigenständige litauische Schach. Doch jetzt, nachdem Litauen seit 1990 seine Unab-hängigkeit erlangt hat, ist das Land seit 1991 wieder ein selbständiges  Mitglied der FIDE.

Die folgenden drei Spieler sind über die Landesgrenzen hinaus in der Schachwelt bekannt geworden: Vladas Iwanowitsch Mikenas (*17.4.1910 Reval  –  †2.11.1992 Wilna), Viktor Gawrikow (*29.7.157), Eduard Rosentalis (*27.5.1963), Aloyzas Kveinys (*9.7.1962) und Vidmantas Malisauskas (*4.8.1963).

Wir folgen auszugsweise dem Buch: Helmut Wieteck – Die Welt des  Schachs Band 1
Edition Jung 2008, DIN A5, 308 Seiten, kartoniert.

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