Die Welt des Schachs Band 1 – Teil 7

Teil 7 Die Tschechoslowakei – Schach in Böhmen und Mähren

Im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts entwickelte sich die Tschechoslowakei zu einem Dorado der Schachspieler, wobei besonders in den 20er Jahren eine Fülle von Veranstaltungen über die Bühne gingen. Erinnert sei nur an die vier großen Turnier in Karlsbad (1907, 1911, 1923 u. 1929), ferner an die vielen kleineren  Turniere wie etwa die „Kautsky Memorials“ die Jahr für Jahr in Prag stattfanden, oder an die Turniere des Deutschen Schachverbandes in der Tschechoslowakei, eine Gründung der sudetendeutschen Schachspieler,  die auch jährlich ihre Meisterschaft austrugen. Dazu kam eine Reihe von Turnieren wie zum Beispiel in Brünn (Brno), Pressburg (Bratislava), Reichenberg (Liberec), Budweis (Ceske Budejovice) Trentschin-Teplitz (Trenciaske Teplice), Münchengrätz (Mnichovo Hradiste) und anderswo.

Die herausragenden Turniere neben denen von Karlsbad aber waren die vier Turniere in den 20er Jahren in Pistyan 1922, in Teplitz-Schönau 1922, in Mährisch-Ostrau 1923 und in Marienbad 1925.

Pistyan 1922 (Piest´any)

Bad Pistyan im schönen Flusstal der Waag (slowakisch Váh) am Rande der kleinen Karpaten gelegen, wurde schon 1571 vom Crato von Kraftheim, dem Arzt des Habsburgischen Kaiserhauses gerühmt, wobei er besonders auf die 67°C naturheißen Schwefelschlamm-Quellen hinwies. So ist denn auch das „Irmabad“, eine einzig dastehende Sehenswürdigkeit mit seinem unmittelbar über der Schlammquelle errichteten herrlichen 21 Meter breiten Kuppelbau an welchen sich rundherum Hunderte von Zellen und Kabinen anschließen.

Bad Pistyan, dessen Symbol „Der Krückenbrecher“ ist, eine in Marmor gehauene Figur die über das Knie eine Krücke zerbricht, ist denn auch Anziehungspunkt für viele ausländische Kurgäste, die von der günstigen Bahnverbindung regen Gebrauch machen. So ist der Kurort von Bratislava in 1½ Stunden, von Wien in 4 Stunden, von Budapest in 5 Stunden und von Berlin in ca. 14 Stunden zu erreichen.

Aber auch das Grand Hotel Royal, das inmitten des Kurparks, nahe am herrlichen Waagstrand liegt, bildet eine Zierde des Kurortes. Schon einmal zehn Jahre zuvor, 1912, fand hier im Royal ein großes internationales Schachturnier statt, das damals von dem in der Blüte seines Könnens stehenden Akiba Rubinstein gewonnen wurde.

Auch diesmal, 1922, wurde wieder im Grand Hotel gespielt, in dessen großen Festsaal sich die Spieler sichtlich wohlfühlten. Doch nicht alle Spieler wurden in Pistyan glücklich, so klagte Tartakower, der in den Jahren zuvor bei den Turnieren fast immer unter die Preisträger gekommen war, hier aber mit seinem 8. Platz die Preisränge um einen halben Punkt verfehlte, „dass die Schlammbäder für die Gesundheit zwar großartig seien, für den Intellekt aber abtötend wirken.“

Die Idee nach 10 Jahren wieder ein großes internationales Turnier in Pistyan zu veranstalten, stammte von Julius Breyer, der nach dem Umsturz in Ungarn in Bratislava seine neue Heimat gefunden hatte. 1912 war er zusammen mit v. Balla nur 7. bis 8. geworden und so hatte er sich für diesmal viel vorgenommen, aber ein halbes Jahr vor Beginn des Turniers, im November 1921, verstarb er plötzlich erst 27 Jahre alt. Das Turnier, das vom Kaschauer (Kosicer) Schachklub ausgerichtet wurde, erhielt zum Andenken an Breyer den Namen „Julius Breyer Memorial.“

Neben dem Hauptturnier A, das von Bogoljubow gewonnen wurde, und der dafür den ersten Preis in Höhe von 5000 Kronen einstrich, fand auch ein Meisterturnier B statt in dem Endre Steiner siegte (1000 Kronen).

Teplitz-Schönau 1922 (Teplice-Sanov)

Die alte Badestadt Tepliz-Schönau, im Norden vom Erzgebirge und im Süden von den Ausläufern des böhmischen Mittelgebirge begrenzt, war schon von alters her das Ziel vieler Gicht- Rheuma- und Ischiasgeplagter, die an den heißen Quellen des „Kaiserbads“ Linderung  ihrer Gebrechen erhofften. Prominente wie Goethe, Schopenhauer oder Beethoven und Wagner haben hier schon zu ihrer Zeit gekurt.

Die Stadt mit knapp 30.000 Einwohnern, in der sich Textil- und Maschinenfabriken sowie die Kohlenindustrie etabliert hatten, war denn auch stolz auf ihren relativen Wohlstand und auf ihre kulturellen Einrichtungen wie das Stadt- und Lichtspieltheater, die Kammerspiele und auf das damals  im Bau befindliche große Terrassencafé.

1921 hatte sich in der Tschechoslowakei der „Deutsche Schachverband in der Tschechoslowakei“ gegründet und feierte nun 1922 in der nordböhmischen Stadt Teplitz-Schönau seinen ersten Kongress. Wieder einmal wie schon bei den Karlsbader Turnieren, war die treibende Kraft bei der Ausrichtung des Turniers der Karlsbader Stadtrat Viktor Tietz, der auch gleich das Amt des Schiedsrichters übernahm.

Mit den 14 Spielern hatten die Ausrichter eine gute Mischung aus alten und jungen Meistern getroffen. So trafen hier die alten Kämpen: Tarrasch (61), Mieses (57), Teichmann (54), Maroczy (52), Heinrich Wolf (47), sowie die beiden 40-jährigen Rubinstein und Treybal und der 39-jährige Spielmann, auf die jüngeren Meister: Tartakower, Paul Johner und Kostic je 35 Jahre, Réti (33), Grünfeld (29) und Sämisch (26).

Neben dem Meisterturnier fanden noch Haupt- und  Nebenturniere statt, bei denen sich im Hauptturnier der Wiener Dr. Thanhofer den ersten Preis (500 Kronen) sicherte, während Karl Gilg (300 Kronen), der ja später auch in Deutschland sehr bekannt wurde, auf den zweiten Platz einkam. Im Nebenturnier siegte der Einheimische Henry Riethof.

Mährisch-Ostrau 1923 (Moravská Ostrava)

Ostrau liegt nahe der Grenze zum ehemaligen Schlesien an der Oder und ist die Hauptstadt und gleichzeitig größte Stadt des Bezirks Nordmähren. Es ist das Zentrum der tschechischen Schwerindustrie mit Stahl- und Walz- und Kraftwerken. Die Stadt wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts durch den Bischof von Olmütz gegründet und diente als Schutz gegen Eindringlinge aus dem Norden. Die Entdeckung der Kohlevorkommen in der Nähe der Stadt trug dazu bei, dass sie sich schon im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industriezentrum entwickelte. Die Einwohnerzahl beträgt über 300.000. Das Turnier, das im Rahmen der Industrie und Gewerbeausstellung in Mährisch-Ostrau stattfand, wurde von den Witkowitzer Eisenwerken finanziert, dessen Generaldirektor Adolf Sonnenschein sich als großzügiger Mäzen erwies. Die Turnierleitung lag in den Händen von Dr. Bordovsky und Otto Hilf, die assistiert wurden vom altbekannten Karlsbader Stadtrat Viktor Tietz. Die Einladungen der Turnierteilnehmer hatte Bogoljubow übernommen, der dazu von der Turnierleitung beauftrag wurde. Einen großen Verdienst konnte er sich zuschreiben, als es ihm sogar gelang den ehemaligen Weltmeister Lasker zur Teilnahme zu bewegen. Von den Großen, die sonst fast immer bei den Turnieren in der Tschechoslowakei zu finden waren, fehlte lediglich Maroczy, der sich gerade in England aufhielt, und Aljechin der in Südamerika seinen Verpflichtungen nachging. Natürlich erregte die Teilnahme von Lasker größte Aufmerksamkeit im In- und Ausland. Wobei mit besonderer Aufmerksamkeit das Aufeinanderprallen der alten Schule mit den Neoromantikern wie Réti, Tartakower und Spielmann beobachtet wurde. Zwar hatte Lasker ein gewisses Verständnis für die „Hypermodernen“ und nahm ihre Ideen vom Einwirken der Figuren auf das Zentrum mit Interesse auf, war aber doch skeptisch genug, um auch die Schwächen dieser Richtung zu erkennen, die hauptsächlich im Streben nach Originalität lagen. Immer noch war der inzwischen 55-jährige Exweltmeister der Dreh- und Angelpunkt, wo er auch auftauchte. Einmal mehr bewies er all jenen, die ihn schon abgeschrieben hatten, dass man immer noch mit ihm rechnen musste. Er verlor keine Partie in Mährisch-Ostrau und blieb zum ersten mal in seiner Laufbahn in einem internationalen Turnier ungeschlagen. Er gewann 8 Partien und machte 5 Partien remis  (83%) und dies, obwohl er seit gut neun Jahren, sieht man mal von dem kleinen Viermeisterturnier 1918 in Berlin ab, an keinem großen Turnier mehr teilgenommen hatte. Nach diesem glänzenden Erfolg, wurden wieder  Stimmen laut, die den „jugendfrischen Lasker“ im Kampf mit dem „müden Capablanca“  im Streit um die Weltmeisterkrone sehen wollten.

Marienbad 1925 (Mariánské Lázné)

Der Ort am Fuße des Kaiserwalds, nordwestlich von Pilsen, wurde 1797 in der Nähe der Quelle der Tepl gegründet und entwickelte sich rasch zu einem der bedeutendsten Heilbäder der Tschechoslowakei. Trinkkuren, Moorbäder und die vielen Glaubersalzquellen, von denen sich hauptsächlich Nieren-, Gallen- und Leberleidende Heilung erhofften, zog  bald viele Kurgäste nach Marienbad, das 1865 die Stadtrechte erhielt und heute ca. 18500 Einwohner hat. Als die Stadt 1872 an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, erlebte der Ort seinen eigentlichen Aufschwung und wurde zum Weltbad. Zu den Sehenswürdigkeiten des Heilbades gehören neben der Kirche Mariä Himmelfahrt auch der klassizistische Brunnentempel und das zu einem Museum umgebaute Goethehaus. Denn auch hier war der deutsche Dichterfürst (der insgesamt über 20 Mal in den böhmischen Heilbädern zur Kur war) gerne zu Gast.

Mit dem Turnier in Marienbad Mitte der 20er Jahre fand in diesem Dezennium bereits das fünfte große internationale Turnier in der Tschechoslowakei statt, wovon alleine drei in den böhmischen Bädern abgehalten wurden. Dabei stand ja das große Turnier von Karlsbad 1929 noch aus. Kein anderes Land der Welt konnte zur damaligen Zeit mit einer solchen Fülle von Schachveranstaltungen mithalten. Die Leitung des Turniers von Marienbad lag in den Händen von Isidor Gunsberg (*1854 – †1930), der ja selbst zu seiner Zeit einer der besten Spieler der Welt war. Unterstützt von seiner Frau und den Honoratioren der Stadt (Bürgermeister, Kurdirektor usw.), brachte er ein Turnier mit 16 Teilnehmern der Weltklasse reibungslos über die Bühne. Die Preise in Marienbad konnten sich sehen lassen: 5000 Kronen für den ersten Platz bis hinunter zu 1000 Kronen für den achten Rang.

Prag (Praha)

Die tschechische Hauptstadt, eingebettet in den Talkessel entlang der Moldau, ist die größte Stadt der tschechischen Republik  (Stadtrechte seit der Mitte des 13. Jahrhunderts) und ein altes Kultur- und Handelszentrum.

Als im 10. Jahrhundert das Bistum Prag gegründet wurde, ließen sich dort auf der Kleinseite zahlreiche Handwerker und Kaufleute sowohl jüdischer als auch deutscher Abstammung nieder. Kaiser Karl IV. – zugleich König von Böhmen – machte Prag für kurze Zeit zur Hauptstadt des Deutschen Reiches und gründete dort 1348 die erste Universität Mitteleuropas. Mit seinem Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch-Gmünd schuf er eine europäische Großstadt der Gotik (St.Veitsdom) und auch die 1357 entstandene berühmte steinerne Brücke verdankt Karl IV. ihren Namen. Deutsche Kolonisten legten die Altstadt als Handelszentrum an und erweiterten ein Jahrhundert später das Stadtgebiet nach Südosten durch die Errichtung der Neustadt. Prag erlebte als Hauptstadt der mächtigen Provinz Böhmen seine Blütezeit und wurde im 14. Jahrhundert nach Paris zweitgrößte Stadt Europas. Allerdings begann von hier aus auch der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648), der nach dem „Prager Fenstersturz“ ausgelöst wurde. 1784 legte Kaiser Joseph II. die Magistrate der vier Prager Städte: Altstadt, Kleinseite, Neustadt und Hradschin zusammen. Mit der Gründung der Tschechoslowakei wurde Prag 1918 Hauptstadt des neuen Staates, auf den seit 1912 der heilige Wenzel, der böhmische Landespatron, am Ende des 750 mal 60 Meter großen Wenzelsplatzes herabblickt. (Den „stolzesten Boulevard der Welt“, wie Detlef von Liliencron diesen ehemaligen Rossmarkt einst genannt hatte.) Zwar scheiterten die Bemühungen des tschechischen Volkes um den Reformkurs 1968 im sogenannten „Prager Frühling“, aber 1989 wurde das kommunistische Regime gestürzt und Prag wurde nach der Teilung des Landes am 1. Januar 1993 (Tschechische und Slowakische Republik) die Hauptstadt der Tschechischen Republik mit einer Einwohnerzahl von ca.1,2 Millionen Menschen. Die „Goldene Stadt“ wie Prag auch gerne genannt wird, führt in ihrem Stadtemblem den Löwen als Wappentier und ist eine der ältesten Kulturstätten Europas. Die Stadt war der Mittelpunkt jüdischer Gelehrsamkeit. Hier entstand bereits 1512 die erste hebräische Druckerei und viele berühmte Namen von großer Bedeutung für die Kultur des Westens sind mit Prag verbunden. Die Liste reicht vom Rabbi Judah Loew Ben Bezalel, dem Schöpfer des Golems*, bis hin zu Franz Kafka, Max Brod, Franz Werfel, Gustav Mahler, Sigmund Freud und vielen anderen.

Zwar galt Prag schon im Habsburgerreich als eine Hochburg im Schach, doch mit großen internationalen Veranstaltungen hielten sich die Stadtväter immer vornehm zurück. Sie überließen dies den vielen Kurorten des Landes. Sieht man einmal von einer Reihe von kleineren Turnieren (die fast immer von Duras gewonnen wurden) und den Kautsky-Memorials* ab, die in den 20er Jahren eine feste Einrichtung in Prag waren, so bleiben als große Veranstaltungen in der Stadt nur das internationale Turnier von 1908 und die Schacholympiade 1931, die aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Tschechoslowakischen Schachbundes über die Bühne ging und bei der sich überraschenderweise  die Tschechoslowaken in der Aufstellung 1. Flohr, 2. Gilg, 3. Rejfir 4. Opocensky, 5. Skalicka die Bronze- Medaille holten.

Die großen Schachmeister des Landes waren und sind: Wilhelm Steinitz (* 1836 Prag – †1900 New York), Wenzel Kautsky (*1880 – †1924), Oldrich Duras (*1882 Prag – †1957 Prag), Karel Hromádka (*1887 Groß Weikersdorf – †1956 Prag), Karel Opocenský (*1892 Most – †1975 Prag), Salomon Flohr (*1908 in der Ukraine – †1983 Moskau), Jan Foltys (*1908 Svinov – †1952 Ostrava), Jiri Fichtl (*1921 Brünn), Miroslav Filip (*1928 Prag), Ludek Pachman (*1924 Bela pod Bezdezem), Lubomir Kavalek (*1943 Prag), Vastimil Hort (*1944 Kladno), Vlastimil Jansa (*1942 Prag), Jan Smejkal (*1946 Lanskroun), Eduard Prandstetter (*1948 Prag), Lubomir Ftacnik (*1957 Bratislava).

Wir folgen auszugsweise dem Buch: Helmut Wieteck – Die Welt des  Schachs Band 1
Edition Jung 2008, DIN A5, 308 Seiten, kartoniert.

0 Comments

Submit a Comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert