Schachfieber

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Helmut Wieteck

Von der Leichtigkeit des Seins

Alexander Morosewitsch ist ein Wiedergänger der romantischen Schachschule. Der Moskauer Großmeister ist der wohl kreativste Spieler unserer Tage, dem es immer wieder gelingt, schon in der Eröffnung das Spiel mit neuen Ideen zu bereichern.

Gerne holt er zu diesem Zwecke alte, oft schon fast vergessene Eröffnungsvarianten hervor, poliert sie auf und setzt sie seinen verdutzten Kontrahenten
vor, die dann erst einmal daran zu knabbern haben.

So spielt er gerne die Tschigorin-Verteidigung, das Königs- und Evansgambit, Königsindisch im Anzug und auch die Wiener Partie und Zweispringerspiel im Nachzug. Oft sind es Spielweisen, die als wenig populär gelten und die von den etablierten Meistern gemieden werden, weil damit nach landläufiger Meinung kein Blumentopf zu gewinnen ist.

Doch schon mancher Meister hat sich dann gewundert, dass Morosewitsch trotz dieser „minderwertigen Eröffnung“, bereits wenige Züge später auf Gewinn steht.

Schon als 12-jähriger ließ er seine enorme Begabung für das Schachspiel erkennen und erkämpfte seine erste IM-Norm. Als der schlaksige, 16-jährige, noch völlig unbekannte Russe 1993 in der westlichen Welt auftauchte, fiel auf, dass er kaum Respekt vor großen Namen hatte. Er spielt oft mit großer Risikobereitschaft, wobei er es auch schon mal verpasst, rechtzeitig ins Remis einzulenken, wenn es mal nicht so gut läuft. Dass er dieses Problem selbst erkannt hat, zeigt seine Äußerung in einem Interview: „Ein Spieler, der meine und Leko`s Fähigkeiten in sich vereinigen würde, wäre kaum zu schlagen.“

Inzwischen ist aus dem Youngster ein renommierter Großmeister geworden, der sich in der Liste der Top-Ten mit einer Elozahl von über 2700 festgesetzt hat, und der mit seinen fantastischen Ideen jedes Turnier zu beleben weiß. Allerdings feilt er heute nicht mehr so intensiv an seinem Schach, denn er hat
erkannt, dass es auch noch andere Seiten im Leben gibt. So trägt er nun nicht mehr die schweren Koffer der Systeme, sondern spielt mit der Leichtigkeit des Seins.