Schachfieber
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Helmut Wieteck
Schach im 20. Jahrhundert Band 10
Der Wechsel vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert war von einer Stimmung der Zuversicht und des Aufbruchs geprägt. In der Wissenschaft löste eine Epoche machende Entdeckung die andere ab. In der Kultur - Musik, Malerei, Literatur und dem eben erst geborenen Film - jagten sich die Neuerungen. Telegraf und leistungsfähige Transportmittel verringerten die Distanzen. Dem menschlichen Erfinder- und Entdeckergeist schienen keine Grenzen gesetzt. Gekrönt wurde das Ganze durch eine zuversichtliche und selbstbewusste Arbeiterbewegung, was den marxistischen Theoretiker Franz Mehring zu der Bemerkung veranlasste, „das zwanzigste Jahrhundert werde ein Jahrhundert der Erfüllung sein, wie das neunzehnte Jahrhundert ein Jahrhundert der Hoffnung war".
Es begann dann auch sehr vielversprechend mit der Entdeckung der Quantentheorie durch Max Planck und der Relativitätstheorie durch Einstein. Und man war sich einig: ein Jahrhundert, das so beginnt, muss ein ganz großes werden. Doch es hielt dann leider nicht immer sein Versprechen! Kriege und Diktaturen zogen auf und Despoten wie Hitler, Stalin oder Mao knechteten die Menschen.
In seiner Autobiographie „Die Welt von gestern“, die wenige Wochen vor seinem Freitod am 23.2.1942 erschienen ist, gibt Stefan Zweig, der mit seiner „Schachnovelle“ nicht nur bei den Schachspielern bekannt wurde, eine eindrucksvolle Einführung in das 20. Jahrhundert.
„Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Russland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich musste wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewussten und programmatischen Dogma der Antihumanität. Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in eben derselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend.“
Doch allen Widrigkeiten zum Trotz erlebte im 20. Jahrhundert das Schachspiel seine Blütezeit. Unzählige Turniere rund um den Erdball fanden das lebhafte Interesse der Schachfreunde, die in die neu gegründeten Schachvereine strebten und sich Schachzeitschriften hielten. Eine große Anzahl von starken Meistern wuchs heran und ihre glanzvollen Taten auf dem Schachbrett fesselten das Publikum. Besonders die von der FIDE 1924 angeregten Schacholympiaden sowie die Ausscheidungs-kämpfe zu den Weltmeisterschaften fanden das ungeteilte Interesse der Schachgemeinde. Mit den Zonen-, Interzonen- und Kandidatenwettkämpfen fieberten die Schachfreunde um ihre Favoriten und verfolgten die anschließenden Schachweltmeisterschaften mit Spannung. Später dann war es die von der FIDE veranstalteten so genannten K-O-Weltmeisterschaften mit ihrem Knock-out-Modus, die dem Spiel ein neues, modernes Gesicht gaben und vielen Teilnehmern die Möglichkeit einräumte, sich ganz nach oben zu spielen.










