Höhepunkte des Saarschachs – 1. Bundesliga

Zwei Jahre an der Spitze des deutschen Schachs – Der SC Anderssen St. Ingbert in der 1. Schachbundesliga 1996/97 und 1997/98

Es gibt in der Geschichte eines Schachvereins Jahre, die weit über einzelne Ergebnisse hinausreichen. Jahre, in denen sich sportlicher Ehrgeiz, organisatorisches Können und die Bereitschaft vieler Menschen zu einem besonderen Kapitel der Vereinsgeschichte verbinden. Für den SC Anderssen St. Ingbert waren die Spielzeiten 1996/97 und 1997/98 solche Jahre.

Der saarländische Verein hatte sich über viele Jahre hinweg zu einem der führenden Schachvereine des Saarlandes entwickelt. 1996 gelang schließlich der Aufstieg in die 1. Schachbundesliga. Der Weg dorthin war eng mit Karl-Otto Jung verbunden, der die Mannschaft über viele Jahre als Mannschaftsführer begleitete und den Verein von der damaligen Landesklasse bis in die deutsche Eliteliga führte.

Was anschließend folgte, war für den Verein außergewöhnlich:                                                                                                           zwei Jahre in der höchsten deutschen Spielklasse und zwei Platzierungen im oberen Tabellenfeld.

Dieser Bericht erinnert an diese besondere Zeit.

 1. Der lange Weg nach oben

Der Aufstieg des SC Anderssen St. Ingbert in die 1. Schachbundesliga war der Höhepunkt einer langjährigen Entwicklung. Der Verein gehörte bereits seit den 1970er Jahren zu den führenden Vereinen des Saarländischen Schachverbandes. Eine historische Darstellung des Verbandes beschreibt den SC Anderssen St. Ingbert als einen Verein, der sich in dieser Zeit mit anderen saarländischen Spitzenvereinen regelmäßig um die Meisterschaft duellierte. 1996 gelang schließlich der Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Hinter diesem sportlichen Aufstieg stand eine kontinuierliche Vereinsarbeit. Damit war der Bundesligaaufstieg nicht das Ergebnis einer kurzfristigen Initiative. Er war das Resultat einer langen Entwicklung.

2. Die Saison 1996/97 – der Aufsteiger sorgt für Aufsehen. Ein Verein betritt die große Bühne

Die Saison 1996/97 war die 17. Spielzeit der deutschen Schachbundesliga. Der SCA St. Ingbert wurde als Aufsteiger geführt. In der Liga traf der Verein auf die stärksten deutschen Mannschaften jener Zeit. Für den Verein aus St. Ingbert war die Bundesliga sportlich und organisatorisch Neuland. Die Gegner verfügten über internationale Großmeister und erfahrene Bundesligakader.

Doch die Mannschaft ließ sich davon nicht beeindrucken.

3. Der Kader

Die Mannschaft wurde von Großmeister Rustem Dautov (Zu dieser Zeit die Nr. 1 in Deutschland) angeführt. Daneben gehörten unter anderem  GM Christian Bauer, IM Bernd Kohlweyer, GM Slobodan Martinovic, GM Nenad Ristić, WGM Ketino Kachiani-Gersinska (Zu dieser Zeit die Nr. 1 bei den Frauen in Deutschland), IM Dimo Werner, FM Georg Groß, FM Marc Becker und FM Heiko Kummerow zum Kader.Die Mannschaft war damit eine bemerkenswerte Mischung aus internationalen Spitzenspielern, erfahrenen Titelträgern und starken deutschen Spielern.

Besonders erfolgreich spielten:

WGM Ketino Kachiani-Gersinska – 9 Punkte aus 15 Partien (60%)

IM Dimo Werner – 9 Punkte aus 13 Partien (70%)

IM Marc Becker – 9 Punkte aus 14 Partien (65%)

GM Rustem Dautov – 8 Punkte aus 15 Partien (54%)

WGM Kachiani-Gersinska erzielte zudem eine IM-Norm. Ihre Saison war auch aus historischer Sicht bemerkenswert, da sie zu den ersten Frauen gehörte, die in der eingleisigen Bundesliga in dieser Form herausragende Ergebnisse erzielten.

Platz vier in Deutschland. Am Ende der Saison stand ein Ergebnis, mit dem wohl nur wenige gerechnet hatten:

Der Aufsteiger SC Anderssen St. Ingbert belegte den 4. Platz der 1. Schachbundesliga.

Die Bilanz:

Spiele Siege Remis Niederlagen Mannschaftspunkte Platz
15 7 5 3 19:11 4.

St. Ingbert lag damit nur hinter Solingen, Porz und Empor Berlin. Der direkte Sprung von der Aufstiegssaison auf Platz vier der deutschen Eliteliga war eine sportliche Sensation.

Der SC Anderssen St. Ingbert war angekommen.

Bei der Betrachtung des Bundesligaerfolges darf der Blick nicht allein auf die Spieler und ihre Elo-Zahlen gerichtet werden. Eine Bundesligamannschaft musste damals organisiert werden. Spieler mussten zusammengeführt, Spieltage geplant, Reisen koordiniert und die gesamte Mannschaft betreut werden.

Die Saison 1997/98 – Bestätigung auf höchstem Niveau

4. Die zweite Saison

Nach dem sensationellen vierten Platz war die zweite Bundesligasaison eine besondere Herausforderung. Nun war St. Ingbert kein unbekannter Aufsteiger mehr. Die Mannschaft wurde als ernst zu nehmender Bundesligist wahrgenommen. Der Kader wurde verändert und erneut international stark besetzt.

Eine Mannschaft mit großer individueller Klasse. An der Spitze stand erneut GM Rustem Dautov. Hinzu kamen unter anderem GM Giorgi Giorgadse, GM Jean-Marc Degraeve, GM Christian Bauer, GM Slobodan Martinovic, GM Nenad Ristic, WGM Ketino Kachiani-Gersinska, IM Dimo Werner FM Heiko Kummerow und FM Georg Groß.

Besonders auffällig waren die Leistungen von:

GM Rustem Dautov – 9,5 Punkte aus 15 Partien (64%)

GM Giorgi Giorgadse – 8 Punkte aus 11 Partien (73%)

WGM Ketino Kachiani-Gersinska – 9 Punkte aus 15 Partien (60%)

GM Jean-Marc Degraeve – 6,5 Punkte aus 8 Partien (82%)

FM Heiko Kummerow – 8,5 Punkte aus 14 Partien (61%)

GM Giorgadse erzielte eine Elo-Performance von 2727, GM Degraeve sogar 2743. Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, über welche individuelle Klasse der St. Ingberter Kader verfügte.

Wieder unter den besten Mannschaften Deutschlands. St. Ingbert beendete die Saison auf dem 6. Platz.

Die Mannschaft erreichte:

6 Siege

5 Unentschieden

4 Niederlagen

17:13 Mannschaftspunkte

63,5 Brettpunkte

Damit lag der Verein erneut im oberen Tabellenbereich der 1. Bundesliga.

Der 6. Platz war keine Enttäuschung. Vielmehr bestätigte er, dass der vierte Rang des Vorjahres kein Zufall gewesen war. Der SC Anderssen St. Ingbert hatte sich im deutschen Spitzenbereich etabliert.

5. Zwei Jahre Bundesliga – eine bemerkenswerte Bilanz

Die beiden Spielzeiten lassen sich in Zahlen zusammenfassen:

1996/97 1997/98
Platzierung 4. 6.
Siege 7 6
Remis 5 5
Niederlagen 3 4
Mannschaftspunkte 19:11 17:13
Brettpunkte 63,0 63,5

Über beide Jahre absolvierte die Mannschaft 30 Bundesligakämpfe.

Die Gesamtbilanz:

13 Siege

10 Unentschieden

7 Niederlagen

36 Mannschaftspunkte

126,5 Brettpunkte

Diese Bilanz zeigt die außergewöhnliche Konstanz der Mannschaft. Der Verein war nicht nur einmal erfolgreich. Er war über zwei komplette Bundesligasaisons hinweg konkurrenzfähig.

6. Der freiwillige Rückzug – das Ende eines besonderen Bundesliga-Kapitels

Nach der Saison 1997/98 endete das Bundesliga-Kapitel des SC Anderssen St. Ingbert. Dabei ist eine wichtige historische Einordnung erforderlich: St. Ingbert stieg nicht sportlich aus der Bundesliga ab. Die Mannschaft hatte die Saison auf dem 6. Tabellenplatz beendet. Anschließend zog sich der SCA St. Ingbert freiwillig aus der Liga zurück. Die Bundesliga-Saison 1997/98 weist den Verein deshalb als freiwilligen Rückzug aus.

Damit endete eine zweijährige Bundesligaära, die sportlich zu den größten Erfolgen des Vereins gehörte. Der Rückzug ändert nichts an der sportlichen Leistung der Jahre 1996 bis 1998.

Im Gegenteil:

Der SC Anderssen St. Ingbert hatte in zwei Spielzeiten gezeigt, dass ein saarländischer Schachverein in der Lage war, sich unter den besten deutschen Mannschaften zu behaupten.

Nachfolgend ein paar kombinatorischen Kostproben aus Bundesliga-Zeit.

1

Weiß am Zuge macht es kurz und schmerzlos.

GM Dautov, R. - GM Glek, I.
1. Bundesliga, 1996

GM Dautov, R. - GM Glek, I. (1. Bundesliga)

2

Weiß am Zuge. Ein Qualitätsopfer führt zu einem schnellen Sieg.

GM Ristic, N. - IM Bosch, J.
1. Bundesliga, 1996

GM Ristic, N. - IM Bosch, J. (1. Bundesliga)

3

Schwarz am Zuge. Der König in der Mitte wird Weiß zum Verhängnis.

IM Reschke, S. - WGM Kachiani-Gersinska, K.
1. Bundesliga, 1996.??.??

IM Reschke, S. - WGM Kachiani-Gersinska, K. (1. Bundesliga)

4

Schwarz am Zuge. Und wieder entscheidet ein Qualitätsopfer.

Heissler, J. - IM Werner, D.
1. Bundesliga, 1997

Heissler, J. - IM Werner, D. (1. Bundesliga)

5

Weiß am Zuge. Turmendspiele sind nicht immer remis.

FM Gtoß, G. - Hedke, F.
1. Bundesliga, 1997.??.??

FM Gtoß, G. - Hedke, F. (1. Bundesliga)

6

Schwarz am Zuge. Das nächste Qualitätsopfer das die Partie entscheidet.

GM Unzicker, W. - GM Degraeve, M.
1. Bundesliga, 1998.??.??

GM Unzicker, W. - GM Degraeve, M. (1. Bundesliga)

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